Gesundheitsfürsorge
Zusammenfassende Darstellung nach der Zeitenfolge

Dank einer langjährigen Aufbauarbeit verfügte das Gesundheitsamt vor dem Zweiten Weltkriege über vorbildliche Einrichtungen. Die Dienststelle war in den ersten Berichtsjahren im Opelhaus gut untergebracht. Eine modern eingerichtete Röntgenabteilung entsprach den höchsten Anforderungen; daneben waren zwei weitere stationäre und drei transportable Röntgenapparate vorhanden, so daß die Röntgendiagnostik für ein großstädtisches Gesundheitsamt gesichert war. über das ganze Stadtgebiet verteilten sich 18 Fürsorgestellen, die mit einer ausreichenden Zahl von Stadtärzten und Fürsorgerinnen besetzt waren. Planmäßig wurde die Mütter-, Säuglings- und Kleinkinderberatung fortgesetzt und ausgebaut. Daneben fanden regelmäßig Sprechstunden für Tuberkulosekranke statt. In fast allen Fürsorgestellen waren Höhensonnen-Einrichtungen vorhanden. Von den einzelnen Fürsorgestellen aus erfolgte die gesamte fürsorgerische Betreuung des dazu gehörenden Bezirkes. Auf jede Fürsorgerin entfielen etwa 12—13000 Einwohner. Alle Aufgaben konnten reibungslos durchgeführt werden. Die Bemühungen der NSV, einzelne Aufgabengebiete für sich abzuzweigen, blieben erfolglos.

Der Feststellung und Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten diente ein leistungsfähiges bakteriologisches Laboratorium, das im Jahre 1938 rd. 39 000 Untersuchungen vornahm. Neben einem Stab geschulter Desinfektoren verfügte das Gesundheitsamt über eine Desinfektionsanstalt, deren Arbeit in den ersten Kriegsjahren durch die tägliche Entlausung und Säuberung von einigen hundert Kriegsgefangenen, Arbeitern und Arbeiterinnen im Kampf gegen das auftretende Fleckfieber von besonderer Wichtigkeit war.

Der Schulzahnpflege widmeten sich in den städtischen Schulzahnkliniken, die aus einer Haupt- und zwei Nebenstellen bestanden, drei hauptamtlich tätige Schulzahnärzte, die jährlich etwa
40000 Schulkinder untersuchten und einen großen Teil zusätzlich behandelten.

Auch außerhalb des Rahmens der behördlichen Einrichtungen war der gesundheitlichen Betreuung der Bevölkerung einer Großstadt von rd. 314000 Einwohnern in jeder Weise Rechnung getragen. Die im Jahre 1938 vorhandenen 9 Krankenhäuser (einschließlich Landesfrauen- und Säuglingsklinik) hatten einen Bestand von 3311 Betten, der ausreichte, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Beim Auftreten von Epidemien war eine Vergrößerung der Bettenzahl durch die Aufstellung von Notbetten möglich.

Die ärztliche und zahnärztliche Versorgung der Bevölkerung war ausreichend gesichert. Etwa 220 Ärzte, darunter ca. 50 Fachärzte, 60 Zahnärzte und 50 Dentisten, unterstanden der Aufsicht des Gesundheitsamts. Es waren 78 freie und 13 Anstaltshebammen tätig.

Die Arzneimittelversorgung war durch 27 Apotheken sichergestellt. In Bochum gab es damals 67 Drogerien.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stellte das Gesundheitsamt zunächst vor keine zusätzlichen Aufgaben. Die vom Amt für Volksgesundheit durchgeführte Reihenuntersuchung der Bevölkerung nach dem Holfelder-Verfahren ergab für die Tuberkulosefürsorge des Gesundheitsamtes keinen wesentlichen Auftrieb. Infolge der seit Jahren intensiv betriebenen Betreuung der Tuberkulösen war dem Gesundheitsamt der tbc kranke und -gefährdete Personenkreis zum größten Teil bekannt. Das Jahr 1940 brachte ein erhebliches Ansteigen der Erkrankungs- und Sterbeziffern an Diphterie, zu deren Bekämpfung umfangreiche Schutzimpfungen sämtlicher Klein- und Schulkinder mit gutem Erfolge durchgeführt wurden. Zur Sicherung des Gesundheitszustandes der Säuglinge wurde durch die Ausgabe von Vigantol eine umfassende Rachitisprophylaxe vorgenommen.

Die einsetzenden Luftangriffe führten in den Jahren 1941/42 zu einer Erschwerung der Arbeit der Fürsorgestellen. Da Menschenansammlungen vermieden werden mußten, gelang es, durch intensiveren Außendienst den gesamten Aufgabenbereich der Fürsorgestellen ohne wesentliche Störungen durchzuführen.
Bei dem zweiten großen Luftangriff zu Pfingsten 1943 wurden mehrere Fürsorgestellen zerstört. Durch die Zusammenlegung einiger Bezirke und die Einrichtung neuer Fürsorgestellen wurden die aufgetretenen Schwierigkeiten verhältnismäßig rasch beseitigt. Im Juni 1943 setzte eine planmäßige Umquartierung der Mütter mit Säuglingen und einer Anzahl von Schulsystemen in die Kreise Köslin und Schneidemühl ein. Zu ihrer Betreuung wurden ein Stadtarzt und drei Fürsorgerinnen ebenfalls nach dort entsandt. Auch für die schulzahnärztliche Behandlung der Umquartierten wurde die Hauptklinik der Schulzahnklinik nach Köslin verlegt. Dank der getroffenen Maßnahmen konnten die in Pommern wirkenden Kräfte des Gesundheitsamtes eine rege Tätigkeit zum Wohle der Frauen und Kinder durchführen. Tragisch war das Ende. Beim Vorrücken der Sowjetarmee waren zahlreiche Bochumer durch das von den zuständigen Parteistellen erlassene Ausreiseverbot daran gehindert, rechtzeitig nach Hause zurückzukehren. Unter unbeschreiblichen Schwierigkeiten machten sich viele Mütter und Kinder auf den Weg, wobei sie unsagbares Leid zu erdulden hatten. Der Stadtarzt und die Fürsorgerinnen mußten befehlsgemäß auf ihrem Posten verbleiben; während der Arzt von den Sowjets nach dem Osten verschleppt wurde, kehrten die Fürsorgerinnen im September 1945 mit dem verbliebenen Rest der Bochumer Kinder in die Heimat zurück.
Inzwischen waren bei dem stärksten Großangriff auf Bochum am 4.11.1944 fast die gesamten Einrichtungen des Gesundheitsamtes zerstört worden. Das Opelhaus, in welchem das Gesundheitsamt seine Räume hatte, war fast völlig vernichtet. Es gab kaum noch eine Fürsorgestelle, die von den Bombenschäden verschont geblieben war. Einige Tage später wurde die Dienststelle behelfsmäßig im Stadtteil Langendreer untergebracht, von wo aus die gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit zwar in beschränktem Umfange, jedoch in allen Zweigen weitergeführt wurde. In jener Zeit mußte eine Umquartierung alter gebrechlicher Leute nach Hallenberg im Sauerland durchgeführt werden. Die Fürsorgerinnen des Gesundheitsamtes hatten die Aufgabe, durch Hausbesuche bettlägerige, fußkranke, blinde und alte Menschen zu ermitteln und Sie auf die Umquartierung in das Sauerland vorzubereiten.
Am 18. 3. 1945 wurde das Gesundheitsamt abermals obdachlos; es siedelte in das nur teilweise zerstörte Rathaus über. Bis zum Einmarsch der alliierten Truppen am 10. 4. 1945 war wegen der fast ununterbrochenen Luftangriffe ein geregeltes Arbeiten kaum noch möglich.
Am Schlüsse des unseligen Krieges ergab sich auf dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens ein geradezu trostloses Bild. Unermeßliche Gefahren drohten der Bevölkerung aus der Zerstörung von 60 Prozent des Wohnraumes sowie aus der Unterbrechung des größten Teiles der Trinkwasserversorgung und fast des gesamten Kanalnetzes. Hinzu kamen die Auswirkungen der Nahrungsnot und des Mangels an Kleidung und Heizmaterial.
Die öffentlichen und privaten Einrichtungen des Gesundheitswesens lagen weitgehend darnieder. Das Gesundheitsamt hatte den Verlust der Hauptfürsorgestellen der Innenstadt und zum Teil auch der Außenstadtteile zu beklagen. Zerstört waren ferner das hygienisch-bakteriologische Laboratorium, die Schulzahnklinik und die Desinfektionsanstalt. Fast das gesamte Aktenmaterial war ein Raub der Flammen geworden. Der Verlust einiger Röntgenapparate erschwerte die Betreuung der Tuberkulosekranken.
Von den in Bochum vorhandenen 8 Krankenhäusern waren das Bergmannsheil fast vollständig zerstört, das Elisabeth-Hospital, die Augusta-Krankenanstalt und das Knappschaftskrankenhaus in Langendreer stark beschädigt. Die Landesfrauenklinik ist während des Krieges nach Eickelborn, die Säuglingsklinik nach Niedermarsberg verlagert worden; ihre Rückkehr nach Bochum ist bisher nicht möglich gewesen, weil das Gebäude vom zerstörten Krankenhaus Bergmannsheil belegt wurde und noch nicht wieder geräumt werden konnte.
Sofort nach Beendigung der Kriegshandlungen setzte eine intensive Aufbauarbeit ein. Schon nach kurzer Zeit waren für die ausgefallenen Fürsorgestellen Ersatzräume beschafft, so daß die Tätigkeit der Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, der Mütterberatung und der Tuberkulosefürsorge wieder weitergeführt werden konnte. 1948 waren bereits wieder 17 ärztlich geleitete Fürsorgestellen vorhanden, über die Arbeiten der einzelnen Zweige der öffentlichen Gesundheitsfürsorge wird in besonderen Abschnitten berichtet.
Der Mangel an Krankenbetten, der zeitweilig auftrat, konnte durch die Wiederherstellung der leichter beschädigten Krankenhäuser und durch die Einrichtung von Ausweichkrankenhäusern in dem Gebäude der ehemaligen Landesfrauenklinik in der Polizeiunterkunft und im Hause Goy ausgeglichen werden. Zu Beginn des Jahres 1948 waren bereits wieder 2 874 Krankenhausbetten vorhanden. 124 frei praktizierende Ärzte, davon 35 Fachärzte, sowie 39 Zahnärzte und 31 Dentisten stehen der Bevölkerung zur Verfügung. Zum Vergleich seien nochmal die Zahlen aus 1938 wiederholt: 3311 Krankenhausbetten, 220 Aerzte (von ihnen 50 Fachärzte), 60 Zahnärzte, 50 Dentisten.

Die Arzneiversorgung, die zeitweilig ernste Mangelerscheinungen gezeigt hatte, wurde vom Gesundheitsamt durch Förderung des Großhandels und durch sonstige Maßnahmen so weit behoben, wie es die schwierige Versorgungslage zuließ. Schon Ende 1947 konnte die Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Arzneimitteln als gesichert angesehen werden. 23 von 27 Apotheken waren wieder in Betrieb. Die Anzahl der Drogerien betrug am Ende der Berichtszeit 56 gegenüber 67 im Jahre 1938. Für die Geburtshilfe standen neben 6 Krankenhäusern 46 Hebammen zur Verfügung; 91 waren es zu Beginn der Berichtszeit gewesen.

Die nach der Beendigung der Kampfhandlungen Anfang Mai 1945 in den Stadtteilen Gerthe und Harpen ausgebrochene Typhusepidemie erforderte zu ihrer Bekämpfung den Einsatz aller beim Gesundheitsamt tätigen Ärzte, Fürsorgerinnen und Desinfektoren. Durch die sofort vorgenommenen Typhus-Schutzimpfungen, die fast ausschließlich in den Wohnungen durchgeführt werden mußten, und durch die Absonderung der Kranken in Krankenanstalten wurde der Epidemie erfolgreich begegnet. Durch den Zustrom aus den Ostgebieten kamen später noch zahlreiche Fälle von Typhuserkrankungen vor, deren Verbreitung durch die gleichen Maßnahmen unterbunden wurde.
Mit der ständig ansteigenden Wiederinbetriebnahme der Schulen konnte die Schulkinderfürsorge wieder aufgenommen werden. Der Gesundheitszustand der Schulkinder war zufriedenstellend bis auf die Verbreitung von Hauterkrankungen, besonders der Krätze, an der etwa 4,8 °/o erkrankten. Gleichzeitig mit der Eröffnung der Schulen wurde auch der Heilturnunterricht in mehreren Stadtteilen wieder eingeführt.

Das Jahr 1946 stand im Zeichen des Hungers und der Not. Die Zahl der Typhuserkrankungen erreichte zwar nur l/4 der vorjährigen Fälle, dagegen nahmen die Tuberkulose und die Geschlechtskrankheiten erheblich zu. Zahlreiche Schutzimpfungen verhinderten ein weiteres Ausbreiten der Diphterie.

Der Gesundheitszustand der Bevölkerung wurde im Jahre 1947 stark beeinträchtigt durch den strengen Winter, die Dürre des Sommers und die allgemeine Not. Ernährung, Bekleidung und vor allem die für die Hygiene so wichtige Seifenversorgung erreichten einen bedrohlichen Tiefstand. Die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten vermehrte sich trotz aller Gegenmaßnahmen; sie stieg am 31.1.1948 auf 4 266 Krankheitsfälle an.

Zum Schlüsse der allgemeinen Ausführungen soll besonders die mangelhafte Ernährung nach dem Zusammenbruch durch einige beispielhafte Angaben weiter verdeutlicht werden:

Um die Mitte des Jahres 1945 betrugen die Zuteilungen an Nahrungsmitteln täglich durchschnittlich etwa 964 Kalorien. Im Mai des Jahres 1947 schwankte die Kalorienzahl der Zuteilungen um 650 bis 700.

Aber nicht allein die Beurteilung der Nahrung nach Kalorien gab Veranlassung zu schwerster Sorge. Auch die qualitative Zusammensetzung der zur Verfügung stehenden, völlig unzureichenden Nahrungsmittelmengen entsprach nicht dem menschlichen Nahrungsbedarf. Der geringe Gehalt an Eiweiß und Fett und das überwiegen der Kohlehydrate verursachten die größten gesundheitlichen Bedenken.

Das Auftreten krankhafter Eiweißmangelzustände (Hungerödeme) in der Bevölkerung war die Folge. Die vom Gesundheitsamt vorgenommenen Wägungen zeigten in den Jahren 1946 und 1947 andauernde Gewichtsverluste bei Personen männlichen und weiblichen Geschlechts aller Altersstufen. Der anhaltende Eiweißmangel machte sich auch besonders im Wachstum der Kinder bemerkbar. Während diese früher überdurchschnittlich groß waren, blieben sie jetzt hinter den Durchschnittszahlen für Größe und Gewicht zurück. Die Wägungen der über 60 Jahre alten Personen ergaben ein durchschnittliches Untergewicht von über 15 °/o.
Die folgenden Darlegungen geben eine Übersicht über die Tätigkeit auf den wichtigsten Einzelgebieten der Gesundheitsfürsorge in den zehn Berichtsjahren.



Geschlechtskrankenfürsorge
Durch eine intensive Friedensarbeit waren die Geschlechtskrankheiten bis zum Jahre 1938 auf einen günstigen Stand gebracht worden ((0,3 %> der Bevölkerung). Der Tripper hielt sich in mäßigen Grenzen; die Syphilis war selten geworden. Unter den Folgeerscheinungen des Zweiten Weltkrieges (stärkere Bevölkerungsbewegung, Absinken der Moral) begann alsbald wieder ein Anstieg, der sich nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 unter den ungeordneten Verhältnissen in den stark angeschlagenen Industrie-Großstädten gefahrdrohend entwickelte; 1947 war ca. l °/o der Bevölkerung befallen. In der Hauptsache trat die Syphilis immer mehr in Erscheinung.
Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten haben die Gesundheitsbehörden und die Beratungsstellen der Versicherungsträger eine intensive vertrauliche Betreuung der Geschlechtskranken eingerichtet und eine Nachforschung nach den Ansteckungsquellen betrieben. Auch wurde die Kostenfrage bei den Heilverfahren gesetzlich in großzügiger Weise geregelt. Die vom Gesundheitsamt ergriffenen Maßnahmen fanden die Unterstützung der Militärregierung.
 

Tuberkulosehilfe
Die Tuberkulose hat in der Berichtszeit ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Während in der Vorkriegszeit die Gesamtzahl der Tuberkulosekranken durchschnittlich rd. l 400 betrug, stieg diese Zahl nach dem Kriege erheblich an; es waren an Tbc erkrankt
am 1. 1. 1946   2016 Pers., dav. an offener Tbc    477
am   1.1.1947    2928   Pers., dav. an offener Tbc      825
am   1.1.1948   4056  Pers., dav. an offener Tbc   1042
am  31.3. 1948   4266   Pers., dav. an offener Tbc    l 056
Die starke Vermehrung der Tuberkulosefälle konnte trotz der Gegenmaßnahmen des Gesundheitsamtes besonders deshalb nicht verhindert werden, weil es infolge der Wohnungsnot und der zu geringen Vermehrung der Krankenhausbetten unmöglich war, die ansteckungsfähigen Tuberkulösen in ausreichendem Maße abzusondern. Bedauerlicherweise hat sich die erhoffte Freigabe der Flakkaserne zur Errichtung eines Tbc-Krankenhauses zerschlagen.
Die wirtschaftliche Fürsorge für hilfsbedürftige Tbc-Kranke und ihre Familienangehörigen wurde bis zum 1. 4. 1943 vom Wohlfahrtsamt durchgeführt; das Gesundheitsamt gewährte damals hauptsächlich zusätzliche Mietbeihilfen und Ernährungszulagen. Ferner wirkte es bei der Vermittlung von Heilverfahren an Versicherte mit, bewilligte Kurzuschüsse und stellte Betten und Hauspflegen zur Verfügung

Durch die Verordnung über die Tuberkulosehilfe vom 8.9.1942, die am 1.4.1943 in Kraft trat, wurde ein grundsätzlicher Wandel geschaffen. Das Schwergewicht der Tbc-Fürsorge liegt seitdem bei den Landesfürsorgeverbänden, die Tuberkulösen Hilfe gewähren, sofern diese nicht durch Träger der Sozialversicherung gewährleistet oder anderweitig sichergestellt ist. Die Tbc-Hilfe ist keine Leistung der öffentlichen Fürsorge mehr; sie braucht au<:h von dem Betreuten nicht wieder erstattet zu werden. Die Verwaltung des Provinzialverbandes der Provinz Westfalen richtete in Münster eine Zentralstelle für Tbc-Hilfe ein, die mit dem hiesigen Gesundheitsamt rege 'zusammenarbeitet.
Den hilfsbedürftigen Tuberkulösen und ihren Familienangehörigen werden seit dem 1.4.1943 vom Gesundheitsamt gewährt
a) Barunterstützungen: bis zum 1. 5. 1945 nach den Sätzen des Familienunterhaltes, seitdem nach besonders festgesetzten Richtsätzen;
b) Ärztliche   Behandlung:   Versorgung mit Medikamenten, Krankenhaus- und Heilstättenbehandlung;
c) Beihilfen   zur Beschaffung von Kleidung, Wäsche und Schuh werk;
d) Zuschüsse zu Bestattungskosten   bis RM 230.
Die Zahl der wirtschaftlich betreuten Personen betrug
Jahr             Familien              Personen      Aufwand
1944           140                   265               103.756 RM
1945           144                   269               109.505 RM
1946           343                   773               198.585 RM
1947           458                 l 050               239.845 RM

Heilverfahren wurden bis zum Jahre 1943 jährlich für rd. 200 Personen beantragt. Durch die Kriegsereignisse trat ab 1944 eine Stockung ein, weil mehrere Heilstätten beschlagnahmt waren und die schlechten Verkehrsverhältnisse sowie die Luftangriffe die Entsendungen erschwerten. Einige Monate nach Kriegsende waren die Schwierigkeiten zum größten Teil beseitigt, so daß die Zahl der beantragten Heilverfahren schnell wieder wuchs. 1946 wurden bereits 378 Kuren beantragt, 1947 sogar 693; im Jahre 1948 ist mit etwa l 000 Heilverfahren zu rechnen. Infolge der bedrohlichen Zunahme der Tuberkulose sind sämtliche Heilstätten überbelegt. Die Patienten müssen heute 4 bis 6 Monate auf ihre Einberufung warten gegenüber 4 bis 6 Wochen in der Zeit vor dem Kriege.


Seuchenbekämpfung
Unter den ansteckenden Krankheiten erreichte die Diphtherie im Jahre 1940 eine bis dahin nicht erreichte Höhe, verbunden mit einer außerordentlich hohen Sterblichkeitsziffer. Im Oktober 1940 wurden daraufhin in großem Umfange aktive Schutzimpfungen durchgeführt, durch die es gelang, die Zahl der Diphtherie-Erkrankungen zum raschen Absinken zu bringen.

Auch dem Scharlach, der in den Jahren 1940 bis 1943 eine ungewöhnlich hohe Zahl von Erkrankungen aufwies, konnte durch Schutzimpfungen wirksam vorgebeugt werden. Sowohl Diphtherie als auch Scharlach hielten sich in den letzten Berichtsjahren in mäßigen Grenzen. Genickstarre und Kinderlähmung traten von 1938 bis 1948 nur selten auf.

Das Jahr 1945 brachte unserer Stadt im Monat Mai eine Typhus- Epidemie in den Stadtteilen Gerthe und Harpen. Sie wurde durch rd. 100000 Schutzimpfungen und durch die Absonderung der Kranken in Krankenanstalten erfolgreich bekämpft, obgleich durch die ungeordneten Zustände nach dem Zusammenbruch, durch den Ausfall der Verkehrsmittel und des Fernsprechwesens der Bekämpfung erhebliche Schwierigkeiten entgegenstanden. Die Epidemie dauerte bis etwa Ende August 1945, dann war sie überwunden.

Nach dieser Epidemie war die Zahl der Typhuserkrankungen gegenüber früher immer noch verhältnismäßig hoch. Die Ursache lag offenbar zum Teil in der Nahrungsnot, die die Bevölkerung zu Hamsterfahrten mit ihren unhygienischen Lebensbedingungen veranlaßte. Ferner scheinen die hohen Temperaturen der Sommermonate des Jahres 1947 nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der Typhusbazillen bei den Bazillenträgern früherer Typhuserkrankungen geblieben zu sein. Der regelmäßigen Überwachung der sog. Dauerausscheider wird ein besonderes Augenmerk geschenkt.



Desinfektionswesen — Gesundheitsaufsicht
Zur wirksamen Bekämpfung der übertragbaren Krankheiten bestand früher beim Gesundheitsamt eine Desinfektionsanstalt, die mit geschultem Personal, modernen Apparaten und Kraftwagen eine rege Tätigkeit entfaltete. 1938 wurden etwa 4000 Entseuchungen durchgeführt. Als die technischen Einrichtungen bei dem Luftangriff am 4.11.1944 zerstört worden waren, konnte der Betrieb bis 1946 nur durch die Inanspruchnahme von Desinfektionsanlagen der Bochumer Werke behelfsmäßig weitergeführt werden. In den letzten Jahren wurden die häufig notwendig gewordenen Entlausungen mit dem bewährten DDT-Pulver vorgenommen. Die Wiedererrichtung einer auf die Dauer unentbehrlichen Desinfektionsanstalt ist geplant; sobald sich die Finanzlage gebessert hat, wird sie erstehen.

Die Desinfektoren des Gesundheitsamtes sind gleichzeitig als Gesundheitsaufseher tätig. Die starken Beschädigungen der nicht völlig vernichteten Wohnhäuser veranlaßten die Bevölkerung häufig zu Beschwerden; durch die Gesundheitsaufsicht wurde in allen Fällen eingegriffen, in denen für die Gesundheit bedenkliche Zustände gemeldet wurden. Der Mangel an Baumaterialien und Arbeitskräften erschwerte indessen oft die Durchführung der geforderten Ausbesserungsarbeiten.
Folgende  Zahlen   veranschaulichen   das  Tätigkeitsgebiet der Desinfektoren nach dem Kriege: Im Jahre 1947 wurden vorgenommen: l 441 Wohnungsdesinfektionen, 225 Desinfektionsüberwachungen am Krankenbett, 12 Entlausungen in Wohnungen, 104 Entlausungen in Lägern, Heimen usw., l 186 Ermittlungen  und Nachkontrollen  in Angelegenheiten der Gesundheitsaufsicht.

Impfwesen
Das Impfgeschäft erstreckte sich in der Berichtszeit sowohl auf die Pockenschutzimpfungen auf Grund des Reichsimpfgesetzes als auch auf Impfungen gegen Diphtherie, Scharlach, Typhus und Paratyphus.

Bis 1941 wurden jährlich durchschnittlich 10 000 Kinder gegen Pocken geimpft oder wiedergeimpft. Infolge der zahlreichen Umquartierungen sank diese. Zahl in den folgenden Jahren stark ab, erreichte jedoch gegen Ende der Berichtszeit mit 9000 Impfungen fast wieder den Vorkriegsstand.

Im Jahre 1945 wurden aus Anlaß der aufgetretenen Typhus Epidemie rd. 100 000 Typhus-Schutzimpfungen vorgenommen. In der Folgezeit sind diese Impfungen in geringerem Maßstabe fortgesetzt worden, sobald sich ein Bedürfnis dafür herausstellte. Neuerdings sind zur Prophylaxe mit gutem Erfolg Typhoral-Dragees verwendet worden. Gegen Diphtherie wurden im Jahre 1940 umfangreiche

Schutzimpfungen bei Klein- und Schulkindern durchgeführt. 1946 wurden nochmals etwa 8 500 Kinder in Schulen und Kindergärten gegen Diphtherie geimpft, worauf sich bald ein starkes Absinken der Krankheitsziffern zeigte. Im Jahre 1947 wurden zum ersten Male Schutzimpfungen mit einem kombinierten Diphtherie-Scharlach-Impfstoff vorgenommen, der sich gut bewährt hat; 8520 Kinder wurden geimpft.



Hygienisch-bakteriologisches Laboratorium
Das Hygienisch-bakteriologische Laboratorium stellt ein wichtiges Instrument bei der Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten dar. In der Berichtszeit ist die Arbeit dieses Institutes durch die Kriegsereignisse und die Kriegsfolgen oft eingeengt gewesen; völlig einzustellen brauchte es jedoch seine Tätigkeit nur vorübergehend nach der Zerstörung des Laboratoriumsgebäudes von November 1944 bis Ende Januar 1945. Nach dem Luftangriff am 4. 11. 1944 erfolgte die Unterbringung in den Räumen der Landesfrauenklinik, wo es voraussichtlich bis zu der Anfang 1949 zu erwartenden Wiedererrichtung des früheren Laboratoriumsgebäudes verbleiben wird.
In den Jahren 1938 und 1939 verliefen die Arbeiten des Laboratoriums ohne bemerkenswerte Ereignisse auf epidemiologischem Gebiet. 1940 erreichten die Untersuchungen auf Diphtherie eine bis dahin nicht erreichte Höhe an positiven Befunden. Nach den Schutzimpfungen ging die Zahl der Untersuchungen um die Jahreswende 1940/41 schlagartig zurück, erhöhte sich jedoch vorübergehend wieder im Oktober 1941 sowie Ende 1942 und Anfang 1943. Im Sommer 1941 traten einige Erkrankungen an Ruhr-E (Kruse-Sonne) auf; dieser Erreger war bis dahin nur sporadisch in Bochum aufgetreten. Im Jahre 1942 wurden von dem Institut einige Krankheitserreger festgestellt, die sonst hier noch nicht bekannt waren, und zwar der durch Urlauber und Wachmannschaften von Gefangenenlagern eingeschleppte Flecktyphus sowie einige Paratypha-ceen. Ab 1942 beteiligte sich das Laboratorium an der verstärkten Tuberkulosebekämpfung durch vermehrte Untersuchungen von Auswurfproben auf Tu-berkulosebazillen. Die Genickstarre, deren bösartiges Auftreten in früheren Jahren mit der Anlaß zur Gründung der bakteriologischen Untersuchungsämter gewesen war, ist während der ganzen Berichtszeit kaum in Erscheinung getreten. Dagegen führte das überhandnehmen der Geschlechtskrankheiten zu einer ständig steigenden Zahl der entsprechenden Untersuchungen.
Die Leistungen des Institutes zeigen die nachstehenden Untersuchungszahlen:
Rechnungsjahr 193839037 Untersuchungen
Rechnungsjahr 193940051 Untersuchungen
Rechnungsjahr 194038146 Untersuchungen
Rechnungsjahr 194129204 Untersuchungen
Rechnungsjahr 1942 32910 Untersuchungen
Rechnungsjahr 194317166 Untersuchungen
Rechnungsjahr 19449963 Untersuchungen
Rechnungsjahr 194516412 Untersuchungen
Rechnungsjahr 194620585 Untersuchungen
Rechnungsjahr 1947 26120 Untersuchungen
(Unterbrechung vom 4.11.1944 bis Ende Jan. 1945).


Schulzahnklinik
Bis zum Oktober 1943 arbeiteten in den städtischen Schulzahnkliniken (l Hauptklinik und 2 Nebenstellen) 3 hauptamtlich tätige Schulzahnärzte, die — wie schon erwähnt — jährlich etwa 40 000 Schulkinder untersuchten und einen großen Teil zusätzlich zahnärztlich behandelten.
Anfang Oktober 1943 wurde die Hauptklinik aus der Brückstr. 33 zur Betreuung der nach Pommern umquartierten Kinder und Mütter in das Staatliche Gesundheitsamt Köslin (Pommern) verlegt. In den Außenkliniken Langendreer und Gerthe verblieb ein Schulzahnarzt zur weiteren Überwachung und Behandlung der in Bochum verbliebenen Kinder. Nach dem Einmarsch der Russen im März 1945 mußte die schulzahnärztliche Tätigkeit in Köslin unter Zurücklassung von zwei vollständigen Behandlungszimmern mit Instrumentarium, Vorräten, Röntgen-, Diathermie- und Bestrahlungseinrichtungen usw. aufgegeben werden.
Von den drei Behandlungsstellen Bochum- Mitte, Langendreer und Gerthe war nach Beendigung des Krieges nur die Klinik in Gerthe unzerstört. Die Räume im Hause Brückstr. 33 waren zunächst unbenutzbar, und die gerettete Einrichtung der Klinik in Langendreer war vom 1.4.1945 bis 15.3.1946 als Notbehandlungsstelle in Räumen des Zahnarztes Dr. Uhen in Langendreer untergebracht. Um die Schulzahnklinik möglichst im alten Umfang wiederherzustellen, wurde ein Raum im Hause Brückstraße 33 hergerichtet; ab 1. 4. 1946 wird hier wieder — zum Teil noch mit behelfsmäßigen Mitteln — die Behandlung durchgeführt. Ebenso auch im Altersheim Langendreer an der Stiftstraße in räumlicher Verbindung mit der dortigen Fürsorgestelle des Gesundheitsamtes. Von zwei hauptamtlich tätigen Schulzahnärzten werden alle eingeschulten Kinder mindestens einmal im Jahre untersucht; die Behandlungsbedürftigen aus den Schulen, die in erreichbarer Nähe einer der drei Schulzahnkliniken liegen, werden dort saniert. In den Stadtteilen, in denen keine Schulzahnklinik ist, werden die Kinder, bei denen eine Behandlung erforderlich ist, den Zahnärzten oder Dentisten der freien Praxis überwiesen. Z. Zt. müssen von den Schulzahnärzten außer den Höheren, Mittel- und Berufsschulen etwa 30 000 Volksschulkinder betreut werden.
Die Schulzahnärzte sehen es als ihre wichtigste Aufgabe an, Stellungsverschiebungen der Zähne, verursacht durch nicht rechtzeitiges Lösen der Milchzähne, und größere Zahnschäden mit ihren vielfach für die Gesundheit so gefährlichen Folgen zu verhüten. Bei den behandlungsbedürftigen Kindern im. Wechselgebißalter werden vor allem der 2. Milchbackenzahn und der 1. bleibende Backenzahn schon beim Vorhandensein kleinster Schäden behandelt. Durch die Erhaltung dieser Kaueinheiten ist immer eine normale Einstellung des bleibenden Gebisses gesichert.

Ärztliche Aufklärungen in den Schulklassen über die Gebißpflege und den Wert regelmäßiger Zahnbehandlung bilden ein weiteres Glied in der Krankheitsverhütung. Das Kind, das durch die planmäßige Schulzahnpflege gegangen ist, verläßt die Schule mit gesundem Gebiß und ist darüber belehrt, daß es auf die Erhaltung dieses Zustandes im späteren Leben selbst zu achten hat.

Mütter- und Kinderbetreuung
Den werdenden Müttern, Säuglingen und Kleinkindern hat das Gesundheitsamt von jeher seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Der Prozentsatz der im ersten Lebensjahre verstorbenen Kinder bewegte sich in den Jahren 1938 und 1939 eng um die Zahl 7. Wie man sieht, ist zwar der außergewöhnlich hohe Grad der Säuglingssterblichkeit im Jahre 1945 mit 22,5%  glücklich überwunden, der Friedensstand jedoch noch nicht wieder voll erreicht.

Die in den Fürsorgestellen eingerichteten Sprechstunden der Säuglings- und Kleinkinderfürsorge einschließlich der Mütterberatung erfreuten sich während der ganzen Berichtszeit eines regen Zuspruchs. Nur in der Zeit der besonders starken Fliegertätigkeit und während der Dauer der Evakuierung ließ der Besuch der Fürsorgestellen nach. Die gleichen Gründe sind auch bestimmend gewesen für die Einschränkung der schulärztlichen Tätigkeit. Immerhin wurden im Jahre 1947 in den Sprechstunden schon wieder über 20 000 Säuglinge und Kleinkinder zur Untersuchung vorgestellt. In 5 eigenen Höhensonnenstellen wurden 4217 Bestrahlungen durchgeführt. Für zusätzliche Speisungen durch ausländische Hilfswerke wurden 15 000 Kleinkinder ausgesucht. l 500 Säuglinge und schwangere Frauen wurden für Sonderzuwendungen an Textilien vorgemerkt.
Die Schulsprechstunden konnten wieder regelmäßig abgehalten werden. Sämtliche Schulkinder waren an der Schulspeisung beteiligt. Ferner konnten mehrere Solbadekuren für Schulkinder durchgeführt werden, die mit zusätzlichen Speisungen durch das Schweizer Hilfswerk verbunden waren.
Folgende zusammenfassende Feststellung ist beachtlich:
Im Jahre 1947 wurden durch die gesundheitliche Betreuung der Bevölkerung allen in den Fürsorgestellen, die außer der Säuglings- und Kleinkinderfürsorge auch die Fürsorge für Tuberkulöse betreiben, insgesamt 153 398 Personen erfaßt; davon waren 27 894 Männer, 38 496 Frauen und 87 008 Kinder. Die große Zahl der Ratsuchenden konnte nur mit äußerster Anstrengung des ärztlichen Personals und der Hilfskräfte betreut werden. Neben der Mitwirkung in den Sprechstunden machten die Fürsorgerinnen 19 500 Hausbesuche.
Aus den vorstehenden Darlegungen ergibt sich, daß das Gesundheitswesen in den 10 Berichtsjahren eine starke Belastungsprobe auszuhalten hatte. Daß unsere Stadt vor großen Seuchen bewahrt blieb, ist fast wie ein Wunder. Jedenfalls können die öffentliche und die private Gesundheitspflege für sich in Anspruch nehmen, daß sie alles Menschenmögliche getan haben, um die schlimmsten gesundheitlichen Gefahren von Bochums Mauern fernzuhalten. Den vereinten Bemühungen ist der Erfolg nicht versagt geblieben.

Quelle: Verwaltungsbericht der Stadt Bochum, 1938 - 1948, Papierwerk Bochum , Seite 97 - 104

 

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