Kriegsaufgaben der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie
Zur Anordnung über die Meldepflicht von Werkzeugmaschinen
(Veröffentlicht im Reichsanzeiger vom  28.  Mai  1941).
 

Für das Kriegspotential Deutschlands ist die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie von ausschlaggebender Bedeutung. Im folgenden werden die Ursachen des Vorsprungs, den der deutsche Werkzeugmaschinenbau vor dem Werkzeugmaschinenbau der angelsächsischen Länder aufzuweisen hat, dargelegt. Sodann werden an Hand der Anordnung des Bevollmächtigten für die Maschinenproduktion vom 28. Mai 1941 über die Meldepflicht von Werkzeugmaschinen Wege gewiesen, diesen insbesondere durch eine neuartige Steuerung der deutschen Maschinenerzeugung errungenen Vorsprung des deutschen Kriegspotentials entsprechend dem Befehl, den der Führer in seiner letzten großen Reichstagsrede am 4. Mai 1941 gegeben hat, zu behaupten und zu vergrößern.
 
Der Bevollmächtigte für die Maschinenproduktion Karl Lange hat vor kurzem vor der Presse den Einfluß der Maschinenindustrie der kriegführenden Länder auf die Kriegsführung untersucht und dabei auch über die Mobilisierung der nordamerikanischen Maschinenindustrie, vor allem des nordamerikanischen Werkzeugmaschinenbaues, für das angelsächsische Kriegspotential durch das Englandhilfegesetz gesprochen. Auf Grund reichhaltiger Unterlagen und zwingender Beweise kam er zu dem Schluß, daß gerade der deutsche Werkzeugmaschinenbau aus entscheidenden zeitlichen und organisatorischen Gründen einen eindeutigen Vorsprung innehat, der auch zahlenmäßig besteht.
Ganz abgesehen davon, ob den Vereinigten Staaten die beabsichtigte Steigerung ihrer Werkzeugmaschinenerzeugung zugunsten Englands in kurzer Zeit gelingt oder nicht, darf der deutsche Maschinenbauer die Aufrechterhaltung des zahlenmäßigen Vorsprungs nicht der deutschen U-Boot- und Flugwaffe überlassen. Es ergibt sich für ihn vielmehr die Aufgabe, diesen Vorsprung, und zwar nicht nur mengenmäßig, zu vergrößern. Dem dient die Anordnung des Bevollmächtigten vom 28. Mai 1941 über die Meldepflicht von Werkzeugmaschinen 1), und zwar soll sie sich in zwei Hauptrichtungen auswirken: Fehlleitung geistiger Arbeit, Fehlleitung von Stoff und Fehleinsatz von Fertigungsstätten und -einrichtungen zu vermeiden und den maschinentechnischen Fortschritt zu fördern.

Die bisherige Entwicklung in Deutschland  und in den angelsächsischen Ländern
Die Maschinen-Selbstversorgung ist in England im Laufe der letzten 25 Jahre von 88 auf 85 % gefallen, während Deutschland seine Maschinen-Selbstversorgung in derselben Zeit von 95 auf 99 % steigern konnte. Schon vor dem Weltkrieg 1914/18 war Deutschland mit einem Anteil von 30 % an der Weltmaschinenausfuhr der englischen Maschinenausfuhr überlegen. Trotz des tragischen Ausgangs des Weltkriegs und der weit besseren Voraussetzungen, auf die sich die englische Maschinenausfuhr gerade dann zu stützen vermochte, konnte es bereits 1927 die englische Maschinenausfuhr wieder überflügeln. Das beweist sicherlich die Überlegenheit der deutschen Maschine, die bei der Ausfuhr gegenüber den großen Hilfsmitteln der englischen Maschinenausfuhr nur ihre besseren Eigenschaften ins Feld führen konnte.
Die unterschiedliche Entwicklung im Mutterland der neuzeitlichen Maschine und in Deutschland führt Lange in erster Linie darauf zurück, daß die Engländer, die an den Rohstoffquellen saßen und glaubten, ihren Gegner im Kriege durch Abschneiden der Zufuhrwege schachmatt setzen zu können, ihrer Maschinenindustrie kaum noch neue Aufgaben stellten, während die unausgeglichene Rohstofflage in Deutschland vor allem im Rahmen des Vierjahresplans den Maschinenbauer zwang, sich mit einer Fülle neuer Aufgaben gründlich zu befassen und Lösungen zu finden, die allerwichtigste maschinentechnische Fortschritte zur Voraussetzung hatten. Mengenmäßig ergibt sich ein Absinken der englischen Maschinenerzeugung, die bereits vor dem Weltkrieg nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen ausmachte, allein in der Zeit von 1930 bis 1938 von 2,1 auf 1,5 Milliarden M. Der deutsche Maschinenbau konnte demgegenüber seine Erzeugung von 1932 bis 1938 von 1,4 auf 5,8 Milliarden RM steigern.
In diesem Zusammenhang ist wichtig, daß England im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr von der Einfuhr ausländischer Werkzeugmaschinen abhängig wurde. 1938 deckte es seinen Bedarf an Werkzeugmaschinen bis zu 25 % aus dem Auslande. 1940 gingen 50 % der nordamerikanischen Werkzeugmaschinenausfuhr nach England. Somit muß England für die Versorgung seiner Rüstungswirtschaft mit Werkzeugmaschinen, die für das Kriegspotential in dem völlig technisierten Krieg von heute entscheidend sind, die Gefahr auf sich nehmen, daß deutsche Seeleute und Flieger die teuren Maschinen und Ersatzteile auf den Grund des Ozeans schicken. Soweit man sich daran gemacht hat, Ersatzteile für nordamerikanische Maschinen in England selbst herzustellen, hat man sich damit abzufinden, daß wertvolle Wochen und Monate für die Planung aufgewendet werden müssen, ehe man überhaupt mit der eigentlichen Fertigung zu beginnen vermag.
Der Konkurrenzkampf der deutschen Maschinenindustrie mit der der Vereinigten Staaten von Amerika auf den Ausfuhrmärkten ist in der Zeit nach dem Weltkrieg nicht anders verlaufen als der Kampf gegen die englische Maschinenausfuhr, obwohl auch der nordamerikanischen Maschinenausfuhr dieselben mächtigen Hilfsmittel zur Verfügung standen wie der englischen. Kamen der englischen Maschinenausfuhr die Pfundentwertung und die auf der Empire-Konferenz in Ottawa festgesetzten Zölle zugute, so genoß der nordamerikanische Maschinenbauer die Vorteile der Dollarabwertung und der verschiedensten Maßnahmen gegen ein angebliches deutsches „Dumping". Die Industrien beider Länder haben auch nicht verschmäht, die unwahren Behauptungen über angeblich schlechte neue deutsche Werkstoffe zu verbreiten; außerdem wußten sie geschickt im eigenen Land und in allen mehr oder weniger von ihnen abhängigen Ländern den jüdischen Boykott gegen die deutsche Ausfuhr auszunutzen. Trotzdem überflügelte 1931 die deutsche Maschinenausfuhr auch die nordamerikanische; sie behauptete sich bis 1936 auf dem ersten Platz, bis es der nordamerikanischen Maschinenausfuhr ab 1937 gelang, die deutsche um 2 bis 3 % zu überholen. Diese Wendung hat nicht etwa bessere Eigenschaften der nordamerikanischen Maschine zur Voraussetzung und wäre bei gewöhnlichen Zeiten auch sicherlich schon lange wieder zugunsten Deutschlands ausgeglichen. Sie hängt ganz eindeutig damit zusammen, daß Deutschland seine Industriekrise bereits mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus beendigte, durch die verschiedensten Großprogramme im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs bereits hart angespannt wurde und in ursächlicher Verbindung damit seinen bisherigen hohen Anteil an der Weltmaschinenausfuhr nicht mehr aufrechterhalten und kurze Lieferfristen nicht mehr einräumen konnte. In den Vereinigten Staaten dauert dagegen die Industriekrise an, so daß es der dortigen Maschinenindustrie möglich war, auf den Ausfuhrmärkten mit kürzeren Lieferfristen zu arbeiten.
Die Schlüsse aus der Ausfuhrentwicklung der englischen Werkzeugmaschinen gelten natürlich auch für die nordamerikanische Werkzeugmaschine. Daran ändert nichts, daß gerade der nordamerikanische Werkzeugmaschinenbau in der Zeit nach dem Weltkriege gewisse Sondererzeugnisse, z. B. Sondermaschinen für die Kraftwagen-Großfertigung, entwickelt hat, wie ja auch der englische Werkzeugmaschinenbau, trotz seines unleugbaren Zurückbleibens in der gesamten Entwicklung, gute Einzelleistungen aufzuweisen vermag. Der deutsche Maschinenbauer hat Maschinen, wie man sie in Nordamerika in der dort früher entwickelten Massenfertigung einsetzen und absetzen konnte, zunächst nicht entwickelt, weil die marktmäßigen Voraussetzungen dafür fehlten, er hat sie dann weit besser als Nordamerika entwickelt, als der Führer die Motorisierung befahl.
An sich bestehen in diesem Kriege für die deutsche Werkzeugmaschine wesentlich günstigere Arbeitsbedingungen als im Weltkrieg. Der Krieg von 1914/18 hat den deutschen Werkzeugmaschinenbau gewissermaßen in der Umstellung der Maschine auf den Schnelldrehstahl überrascht. Die in Deutschland zuerst entwickelte technischwissenschaftliche Forschung, die sich mit den Wechselbeziehungen zwischen den erhöhten Anforderungen des Schnelldrehstahls und der konstruktiven Durchbildung der Maschine als Ganzes und ihrer wichtigen Teile beschäftigte, konnte damals dem Konstrukteur nur beschränkt die notwendigen Richtwerte in die Hand geben. Wenn im Weltkrieg auch im Grunde genommen die mit Schnelldrehstahl arbeitende Werkzeugmaschine eingesetzt worden ist, so hat sich doch die Werkzeugmaschine an den Schnelldrehstahl erst nach dem Krieg anpassen können. Die Forschung an der Werkzeugmaschine kam erst nach dem Weltkrieg zur vollen Entfaltung. Sie hat auch die unzähligen Hilfsmittel geliefert, die besonderen Anforderungen des gesinterten Hartmetalls, das vor gut zwölf Jahren zuerst auftauchte, zu erfüllen, und zwar kann der deutsche Maschinenbauer wohl für sich in Anspruch nehmen, daß er die Vorteile des Hartmetalls weit unbefangener ausnutzte als sein nordamerikanischer Fachgenosse, und daß er weit bessere Erfolge damit hatte.
Auch die Ausnutzung der im elektrischen Antrieb liegenden Möglichkeiten für die Werkzeugmaschine steckte während des Weltkriegs noch in den ersten Anfängen. Die vereinfachte Steuerung und erleichterte Bedienung sind erst das Werk der beiden letzten Jahrzehnte.
Bei Beginn des Krieges gegen England war gegenüber dem Weltkriegsbeginn auf dem Gebiet der Werkzeugmaschine eine Stufe der Entwicklung grundsätzlich abgeschlossen, und wer die im Zuge des Hindenburgprogramms des Weltkrieges aufgetauchten Schwierigkeiten, z. B. beim Spannen, bei den Vorrichtungen usw., miterlebt hat, wird bestätigen können, daß die Frage, ob man der deutschen Rüstungsindustrie von heute die immer wieder steigenden Anforderungen zumuten kann, im Gegensatz zu den Jahren des Weltkriegs nicht zu den großen Sorgen unserer Tage gehört. Die in den letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland erreichte breite technisch-wissenschaftliche und erzeugungstechnische Grundlage für den Werkzeugmaschinenbau hat auch zur Überlegenheit der deutschen Werkzeugmaschine gegenüber der nordamerikanischen beigetragen. Der Bevollmächtigte für die Maschinenproduktion betonte in seinem Vortrag 2. B., daß Sowjetrußland wohl die schärfsten Abnahmebedingungen für Werkzeugmaschinen stellt. Diesen Anforderungen haben die nordamerikansichen Werkzeugmaschinen nicht recht genügen können, während sie von den deutschen Werkzeugmaschinenfabriken für Lieferungen im Umfang von mehreren hundert Millionen RM einwandfrei erfüllt wurden.
Auch mengenmäßig besteht für Deutschland ein Vorsprung gegenüber den Vereinigten Staaten; das dürfte angesichts der hier und da noch bestehenden übertriebenen Vorstellung von der Kapazität des nordamerikanischen Werkzeugmaschinenbaues überraschen. Nach amtlichen Mitteilungen vom August 1940 war die nordamerikanische Werkzeugerzeugung um mehrere hundert Millionen 'Ml geringer als die deutsche. Allerdings muß man hier mit Friedenspreisen rechnen; die Mitteilungen in der nordamerikanischen Presse berücksichtigen vielfach die seit Kriegsausbruch eingetretene Preissteigerung nicht, was natürlich ein ganz falsches Bild ergibt.
Zu diesem Vorsprung der deutschen Werkzeugmaschine ist in den letzten beiden Jahren ein weiterer äußerst wichtiger Vorteil getreten: das sind die Früchte der Kriegserfahrungen. Die militärische Führung in Deutschland hat aus den Feldzügen der letzten beiden Jahre für die Bewaffnung und die Ausrüstung der Truppe ihre Lehre gezogen. Um diese nutzbar zu machen und die neuen Waffen und Geräte in den notwendigen großen Mengen herzustellen, mußten ganz neuartige Maschinen entwickelt werden. Dies führte zu einer starken Befruchtung des deutschen Werkzeugmaschinenbaues, der der Metallbearbeitung ganz allgemein zugute kommt.

Einfluß der Steuerung  der deutschen Maschinenerzeugung
Entscheidend wird aber für die Bedeutung der Werkzeugmaschine für das deutsche Kriegspotential der Umstand, daß die produktiven Kräfte im deutschen Maschinenbau frühzeitig auf die staatspolitischen, die militärischen und die rüstungswirtschaftlichen Notwendigkeiten ausgerichtet worden sind. Die englische Maschinenerzeugung war bei Ausbruch des Krieges klein, während die deutsche Maschinenerzeugung zu diesem Zeitpunkt bereits sehr groß war. Im nordamerikanischen Werkzeugmaschinenbau ergab sich 1939 gegenüber dem Jahr 1937 wohl bei den Schleifmaschinen eine Erzeugungssteigerung um 10 % und bei den Drehbänken um 8 %, bei den Verzahnungsmaschinen jedoch ein Absinken um 17 %, bei den Mehrspindel-Automaten um 20 % und bei den Bohrmaschinen sogar um 25 %. Diese Zahlen beweisen, daß die Entwicklung im nordamerikanischen Werkzeugmaschinenbau noch 1939 durchaus unter nicht nachprüfbaren kapitalistischen Einflüssen stand, die sich wohl vor allem aus der Konjunkturlage der amerikanischen Kraftwagenindustrie ergaben. Demgegenüber hatte in Deutschland um diese Zeit bereits eine planvolle Steuerung der Maschinenerzeugung und in erster Linie der Werkzeugmaschinenindustrie eingesetzt, die eine einheitliche Entwicklung zur Folge hatte, bei der ein Rad ins andere greift.
Der hieraus zu erklärende zeitliche Vorsprung zugunsten Deutschlands ist vor allem ursächlich mit der Steuerung der Maschinenindustrie durch den Bevollmächtigten der Maschinenproduktion verknüpft, die mit schnell beweglichen und unbürokratischen Mitteln bei entsprechender Handhabung die Möglichkeit bot, in sehr wirkungsvoller Weise die Erhaltung und den vollen Einsatz der Unternehmerinitiative mit der notwendigen Ausrichtung auf die Staatsnotwendigkeiten zu vereinigen. Der Bevollmächtigte für die Maschinenproduktion hat vor einiger Zeit erklärt, daß durch tatkräftiges Mitgehen der Maschinenfabriken mit seinen Planungen zur Steigerung der Erzeugung des deutschen Maschinenbaues, vor allem des Werkzeugmaschinenbaues, größte Erfolge erzielt werden konnten, die es zulassen, daß Deutschland neben der Erfüllung seiner Rüstungsaufgaben mitten im Kriege noch eine Maschinenausfuhr im Betrage von mehreren hundert Millionen   RM   im   Jahr,   in   der   Hauptsache   Werkzeugmaschinen, aufrechterhalten kann.
Im Rahmen dieser Ausführungen interessiert auch besonders die Frage der Beseitigung der reichlich bekannten sog. Engpässe, in den Vereinigten Staaten „bottlenecks" (Flaschenhälse) genannt, die sich naturgemäß vor allem im Bau von Werkzeugmaschinen ergeben. Den größten Engpaß stellt die Facharbeiterfrage dar. Für seine Überwindung sind die verschiedensten Lösungen, die man auf diesem Gebiete fand, wichtig geworden. Deutschland hatte genügend Zeit, um taugliche Verfahren zur Überwindung seiner Engpässe zu entwickeln. In Nordamerika hat man mit denselben Schwierigkeiten zu tun. Allerdings dürfte der Facharbeitermangel in den Vereinigten Staaten viel stärker sein, als er bei uns gewesen war. So ergibt sich aus amerikanischen Mitteilungen, daß infolge der Industriekrise die Hälfte der Facharbeiterschaft in den wichtigsten für die Rüstung in Frage kommenden Industrien durch Tod, Berufswechsel usw. in Abgang gekommen ist, ohne daß der Nachwuchs dies auszugleichen vermag. Anderseits gab die in Deutschland früher beendigte Industriekrise die Möglichkeit zum Bau ; neuer Maschinen im Umfang von mehreren Milliarden EM, während die Maschinen in den Krisenländern weiter veralten. Nach einer Erhebung der Zeitschrift „American Machinist"-) waren Anfang 1940 70% aller in der nordamerikanischen Industrie arbeitenden Maschinen älter als 10 Jahre. Im Eisenbahnwagen- und Lokomotivbau stellte sich dieser Anteil sogar auf 86 bis 90 %. Es ergibt sich für die nordamerikanische Werkzeugmaschinenindustrie damit eine doppelte Aufgabe. Sie soll einmal, sozusagen über Nacht, die für die Rüstungsindustrie notwendigen zusätzlichen Sondermaschinen zur Verfügung stellen. Dazu wird ihre Kapazität für den Austausch der vorhandenen alten Maschinen gegen neuzeitliche in Anspruch genommen. Der Bevollmächtigte für die Maschinenproduktion erklärte in seinem Vortrag, daß die nordamerikanische Werkzeugmaschinenindustrie dieser Aufgabe nicht gewachsen sein könne, vor allem deshalb nicht, weil die bekannte Lage Englands der nordamerikanischen Werkzeugmaschinenindustrie nur kurze Frist läßt und weil Nordamerika gewissermaßen in zwölfter Stunde erst die Verfahren zur Überwindung seiner „Flaschenhälse" zu entwickeln hat, die in Deutschland schon seit langem entwickelt sind.

Der Zweck der neuen Anordnung
Die Anordnung des Bevollmächtigten für die Maschinenproduktion vom 28. Mai 194l1), die den Vorsprung des deutschen Kriegspotentials zu halten und zu vergrößern hat, liegt durchaus auf der großen Linie, die sich in der Ausrichtung der produktiven Kräfte im deutschen Maschinenbau während der letzten Jahre abzeichnet. Es kommt dem Bevollmächtigten bei dieser Anordnung einmal darauf an, jede Doppelarbeit zu vermeiden, die die geistigen Kräfte im deutschen Werkzeugmaschinenbau und die Werkstoffe unnütz verzehrt und Erzeugungsstätten und -einrichtungen in ihrer Leistungsfähigkeit beengt.
Eine solche Doppelarbeit liegt ohne weiteres vor, wenn man Maschinen entwickelt, die in genügender Güte und genügenden Mengen bereits vorhanden sind, oder wenn man sich an die Entwicklung von Maschinen macht, die zur Zeit nicht vordringlich gebraucht werden. Dasselbe gilt für die Entwicklung von Maschinen, die nicht den Typungsplänen und der Notwendigkeit der Einschränkung von Erzeugungsprogrammen entsprechen. Die Wichtigkeit der Aufgaben, die der deutsche Maschinenbau zu erfüllen hat, macht es zur Selbstverständlichkeit, daß heute neue Maschinen nur für kriegswichtige Aufgaben gebaut werden können. Nun kann es vorkommen, daß der einzelne Hersteller von Werkzeugmaschinen auf Grund von Anregungen aus seinem Abnehmerkreis irgendeine Neukonstruktion für wichtig hält, die, aus dem Gesichtswinkel der gesamten Kriegswirtschaft gesehen, nicht notwendig ist. Die Meldepflicht für die Aufnahme des Baues von Werkzeugmaschinen soll hier von vornherein Fehlleitungen verhüten, die zu einem späteren Zeitpunkt nur mit Schwierigkeiten richtiggestellt werden können. Sie soll auch ungeeignete Kräfte, denen es an der entsprechenden Erfahrung fehlt und die auch nicht über die Maschinenausstattung verfügen, die für den Bau von Werkzeugmaschinen notwendig ist, von solchen Aufgaben fernhalten.
Dieses Verhüten von Fehlleitungen ist auch im Hinblick auf unsere Rohstofflage gerechtfertigt. Überflüssige und ungeeignete Konstruktionen stellen eine heute nicht zu verantwortende Werkstoffverschwendung dar.
Auf dasselbe Ziel wie die Meldepflicht bei Aufnahme des Baues von Werkzeugmaschinen zielt auch die Meldepflicht bei Einstellung des Baues von Werkzeugmaschinen hin. Der Bevollmächtigte will hier die Deckung des Bedarfs unserer Rüstungswirtschaft an Sondermaschinen bzw. an Werkzeugmaschinen mit Sondereinrichtungen unter allen Umständen dadurch sicherstellen, daß der Bau kriegswichtiger Werkzeugmaschinen, die vielleicht wenig verlangt werden oder deren Herstellung der einzelnen Fabrik unwirtschaftlich erscheint, nicht eingestellt wird, womit sich eine Lücke in der Versorgung ergeben könnte. Eine solche Lücke könne entstehen, wenn eine derartige Maschine von nur einer oder sehr wenigen Fabriken gebaut wird oder wenn mehrere Hersteller gleichzeitig den Bau einer Maschinenart einschränken.
Wie neue Maschinen nur für kriegswichtige Aufgaben gebaut werden dürfen, so darf man angesichts des bestehenden Ingenieurmangels Ingenieure nur für kriegswichtigste Aufgaben einsetzen. Die neue Anordnung des Bevollmächtigten stellt gewissermaßen die Reißbretter in der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie ausschließlich der Kriegswirtschaft zur Verfügung. Die Ausrichtung der produktiven Kräfte im deutschen Maschinenbau auf die staatspolitischen und kriegswichtigen Notwendigkeiten wurde bereits durch die Steuerung des Bevollmächtigten für die Maschinenproduktion in neuartiger Weise mit der Erhaltung und der Aktivierung der vollen Unternehmerinitiative vereinigt. Nunmehr stellt die Anordnung über die Meldepflicht von Werkzeugmaschinen eine einzigartige Vereinigung der Ausrichtung der geistigen Kräfte im deutschen Werkzeugmaschinenbau auf die Anforderungen der Rüstungswirtschaft mit der Förderung des maschinentechnischen Fortschritts und der erfinderischen Arbeit bei Ingenieuren und Konstrukteuren dar.

Der hohe Stand der deutschen Maschinentechnik von heute ist auch weitgehend den großen nationalsozialistischen Programmen des Großstraßenbaues, der Umstellung der Landwirtschaft auf Maschinenbetrieb, der Entwicklung einer heimischen Treibstoffwirtschaft und einer neuzeitlichen Kunststoffindustrie, der Aufrüstung usw. zu verdanken. Möglichkeiten einer weiteren Entwicklung ergeben sich aus der Nutzbarmachung der jüngsten Kriegserfahrungen. Der Kampf auch außerhalb Europas warf neue Probleme auf. Es ist nicht nur unsere Pflicht, an ihre Lösung zu gehen, um den Vorsprung in unserer Rüstungswirtschaft und den Vorsprung des deutschen Kriegspotentials zu halten und zu vergrößern; wir tun auch klug daran, alle verfügbaren Kräfte für die Lösung dieser neuen Probleme einzusetzen. Die volle Ausrichtung unserer geistigen Kräfte auf die Auswertung der allerjüngsten Kriegserfahrungen wird dem technischen Fortschritt mitten im Kriege einen einzigartigen Auftrieb und eine entsprechende Geschwindigkeit geben. Es wird ohne Zweifel im Zuge der Durchführung der Anordnung über die Meldepflicht von Werkzeugmaschinen zu einer Befruchtung der Werkzeugmaschinentechnik kommen, die der privaten Initiative und der erfinderischen Arbeit ein beispielloses Betätigungsfeld gibt.    Friedrich Olk, Berlin


1} Inventory of Metal-Working  Equipment.  New York 1940.

Quelle : VDI Zeitschrift Bd. 85 , Nr. 24 , vom 14. Juni 1941, S 539 - 541



 

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