Fast in Vergessenheit geraten sind die besonderen Transportanlagen des Bochumer Vereins für zahlreiche Kleinteile, Schreiben und Materialproben - die Rohrpostanlagen. Das ehemalige Labor an der Alleestraße z.B. benötigte auf schnellem und einfachen Wege Proben der Siemens - Martin - Öfen oder vom Abstich der Hochöfen. Dies erfolgte durch die Rohrpost. Aber auch die Verwaltung nutzte diese Transportmöglichkeit, da diese es ermöglichte, Papiere von der Hauptverwaltung aus zum Gußstahlwerk, zur Stahlindustrie oder dem Werk Weitmar zu senden.

Aber auch auf der Henrichshütte Hattingen war die Rohrpostanlage eine der wichtigsten Einrichtungen. Ob Verwaltung, Produktion oder Unterhaltung - alle Betriebe waren an die Rohrpostanlage angeschlossen. In der Nachkriegszeit wurden allerdings die teilweise zerstörte Anlage nicht wieder komplett hergestellt

 

Rohrpostanlagen mit elektrischer Steuerung:
Von Obering. Dipl.-lng. W. Romeiser VDI, Berlin
 

In Deutschland hat sich die Technik der Rohrpostanlagen in enger Verbindung mit der Schwachstromtechnik entwickelt; dadurch hat sie sich deren Erfahrungen und Bauteile für ihre hoch entwickelten Steuerungen zunutze machen können. Ausgehend von der einfachen Anlage mit handbedienter Hauptstelle werden die weitgehend oder ganz selbsttätigen Steuerungen von Haus- und Fern-Rohrpostanlagen beschrieben.
 
Ein Dreivierteljahrhundert ist vergangen, seitdem Werner von Siemens im Auftrage der Corporation der Berliner Kaufmannschaft seine erste Rohrpostanlage zwischen dem damaligen Berliner Haupttelegraphenamt in der Französischen Straße und der Börse in der Burgstraße baute. Eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen in verschiedenen Ebenen des Maschinenbaues und der Elektrotechnik führt von dieser einfachen Rohrpostverbindung, die der schnellen Beförderung von Telegrammen vom und zum Haupttelegraphenamt diente, zu dem heutigen weitverzweigten Berliner Stadtrohrpostnetz, an dessen etwa 300 km lange Fahrrohrleitung rd. 100 Postämter angeschlossen sind. .
Wenn man die Entwicklung der Kleingut-Fördertechnik — pneumatische und mechanische Förderanlagen für kleines Fördergut — in den beiden letzten Jahrzehnten eingehender betrachtet, so erkennt man, daß sie ausschlaggebend von der Schwachstromtechnik beeinflußt wird. Dieser Einfluß wird zweifelsohne dadurch begünstigt, daß Kleingut - Förderanlagen in Deutschland fast ausschließlich von Fernsprechgerät bauenden Firmen hergestellt werden.
In Telegraphen- und Fernsprechämtern wurde frühzeitig das Einsammeln und Verteilen von Gesprächszetteln und Telegrammen als störend und zeitraubend empfunden, und das um so mehr, je größer die Ämter wurden. Rohrposten, Seil- und Bandförderer lösten bald die Saalboten ab und sorgten für eine immer schnellere und ruhigere Beförderung der Arbeitsunterlagen. Damit wurde die Reichspost Hauptbedarfsträger für Kleingut- Förderanlagen.
Es lag nahe, daß sie ihre Aufträge für derartige Anlagen, an die Werke gab, mit denen sie bereits auf dem | Gebiet der Nachrichtenübermittlung zusammenarbeitete. Aus dieser ursprünglich rein aufgabenmäßigen Koppelung entsteht im Laufe der Zeit   eine   immer tiefer   gehende technische Verbindung  zwischen  Kleingut-Fördertechnik und Schwachstromtechnik.   Auf diese Weise vermag sich die Kleingut-Fördertechnik  in  Deutschland  — ganz   im l Gegensatz   zur nordamerikanischen Entwicklung   —   die j Erfahrungen der Schwachstromtechnik zunutze zu machen eine Steuertechnik zu entwickeln, die zu einer fortschreitenden Automatisierung der Fördervorgänge führt.
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Haus-Rohrpost
Handbediente Hauptstellen - (Zentralen )Anlagen
Abgesehen von kleineren Anlagen für wenige Dienststellen steht  die  Rohrposttechnik durch  mehrere  Jahrzehnte im Zeichen der sog. Hauptstellen- oder Zentralen-Anlage.   Eine Vielzahl von Dienststellen ist durch je zwei Fahrrohre mit  einer Hauptstelle   (Zentrale)   verbunden. Alle hier ankommenden Rohre sind an die Saugseite, alle von ihr wegführenden Rohre an die Druckseite eines bei der Hauptstelle befindlichen Gebläses angeschlossen.  Der l Verkehr der Dienststellen untereinander wird durch eine Bedienungsperson in der Hauptstelle vermittelt.   Der Absender einer Büchse   stellt   durch Zahlenringe   auf   der Bütte eine Kennzahl ein.    Die Vermittlungsperson ersieht hieraus das gewünschte Ziel und übergibt die Büchse l der entsprechenden Leitung.

Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand:
1. Nahezu unbegrenzte Leistungsfähigkeit, da auf allen
Leitungen von und zur Hauptstelle gleichzeitig meh
rere Büchsen gesendet werden können.
2. Keine Wartezeiten für die Absender in den einzelnen
Dienststellen.

Diesen Vorteilen stehen folgende Nachteile gegenüber:
1. Großer Fahrrohrbedarf.
2. Großer Kraftbedarf, da ständig   eine   große   Luft
menge bewegt wird.
3. Besondere Bedienungsperson.
 

Erst die Rohrpostweiche schafft hier Wandel. An   jedem   Sende- und Empfängerstrang   liegen   fortan mehrere Sender und Empfänger.    Mit der Rohrpostweiche  tritt  die Schwachstromtechnik auf den Plan; sie liefert die Bausteine für deren   Steuerung  und Überwachung.
Die Bedienungsperson in der Hauptstelle liest an den Zahlenringen auf der Rohrpostbüchse die gewünschte Empfangsstelle ab, legt durch Tastendruck die Weiche in der Bestimmungsstelle auf Ausfahrt und schickt die Büchse ab. Neben jeder Taste befindet sich ein Lichtsignal, das aufleuchtet, wenn die Weiche umgelegt ist, und das .erlischt, sobald die Büchse angekommen ist und über einen Ausfahrtkontakt die Weiche in die Ruhelage zurückgestellt hat. Da in jeder Empfängerleitung jeweils nur eine Rohrpostbüchse fahren kann, sinkt die Sendefrequenz — auf die einzelne Empfangsstelle bezogen — beträchtlich. Der Fahrrohr- und Kraftbedarf je Empfangsstelle ist naturgemäß viel geringer, als im vorher beschriebenen Falle.
 

Ringleitungs-Anlagen
Um den immer noch hohen Rohraufwand herabzusetzen — alle an einem Rohrstrang liegenden Dienststellen wurden bisher von zwei Rohrleitungen (einer Sender- und einer Empfängerleitung) durchlaufen —, faßt man die vier Dienststellen A bis D zu einer in sich geschlossenen Rohrleitung (Ringleitung) zusammen, Bild 2. Sender und Empfänger sind wechselweise in nur eine Rohrleitung hintereinander geschaltet. An jedem Sender sind Weichenstell-Tasten und Signallampen angeordnet, die das Gebläse und die Weichen steuern und den Betriebszustand der Anlage anzeigen. Auch hier kann jeweils nur eine Rohrpostbüchse gesandt werden, da mit der Betätigung einer Weiche alle übrigen Sender durch Besetztlampen bzw. durch elektrische Senderverriegelungen gesperrt werden. Vorteile: Geringerer Fahrrohr- und Kraftbedarf. Nachteile: Geringe Leistungsfähigkeit, große Wartezeiten.

Um die Leistungsfähigkeit zu steigern, hat man dann die Sender aus der eigentlichen Fahrrohrleitung herausgenommen und durch sog. Einlaufsender ersetzt. Der Einlaufsender hat eine Sperrvorrichtung, welche die zu versendende Büchse in einer vorbereitenden Sendestellung festhält. Nach Drücken der Zieltaste wird durch Prüfrelais festgestellt, ob der zwischen Sende- und Empfangsstelle liegende Rohrabschnitt frei ist. Ist dies der Fall, so wird die Weiche der Bestimmungsstelle auf Ausfahrt umgelegt, die Sendersperrung aufgehoben und die Büchse zur Fahrt freigegeben. Ist der von der Büchse zu durchfahrende Rohrabschnitt durch eine vorher aufgegebene Büchse belegt, so wird das Ziel durch die gedrückte Taste so lange gespeichert, d. h. die Rohrpostbüchse wird so lange festgehalten, bis die erste Büchse ihr Ziel erreicht hat, d.h. bis sie über den Ausfahrtkontakt ihre Weiche in die Durchgangsstellung zurückgelegt und damit den über Sperrelais belegten Rohrabschnitt freigegeben hat. Nun erst wird das gespeicherte Ziel wirksam und damit die im Sender festgehaltene Büchse freigegeben. Da durch die Sperrelais nur der Rohrabschnitt belegt wird, den die jeweils fahrende Büchse durchläuft, können gleichzeitig mehrere Büchsen gesandt werden, z. B. von B nach C und von C nach D.
Unter Benutzung von Fernsprechrelais für die Prüfung und Sperrung der zu durchfahrenden Rohrabschnitte, von Vorwählermagneten für die Sendersperrung und von Tasten- und Lampenstreifen für die Weichensteuerung und Signalgabe ist es hier gelungen, eine Steuerung aufzubauen, die den nach diesem Gedanken arbeitenden Förderanlagen seinerzeit den Namen „Vollautomatische Weichenrohrpost" verschaffte.
Nachdem der Absender die Rohrpostbüchse in den Sender eingeführt und die dem gewünschten Ziel entsprechende Taste gedrückt hat, ist seine Aufgabe erledigt. Die Abwicklung des eigentlichen Fördervorganges: Anschalten des Gebläses — Umlegen der Weiche — Freigabe der Büchse im Sender — Rückstellen der Weiche nach Ankunft der Büchse am Ziel und Abschalten des Gebläses — dies alles wickelt sich selbsttätig ab.
Den steigenden Anforderungen der Benutzer war jedoch auch diese Lösung auf die Dauer nicht gewachsen.
Immer größer wurde die Zahl der Dienststellen, die in einen wahlweisen Verkehr miteinander gebracht werden sollten. Da die Zahl der in einem Rohrpostring zusammenfaßbaren Stellen mit Rücksicht auf den Betriebsdruck der Gebläse und die Sendefolge begrenzt war, lag der Gedanke nahe, mehrere solcher Rohrpostschleifen in der Art der eingangs betrachteten Hauptstellen zusammenzuschalten, wobei das Hinüberwechseln der Rohrpostbüchsen von einer Schleife in die andere einschl. der Zielübertragung sichergestellt werden mußte. Versuche in dieser Richtung stießen auf Schwierigkeiten verschiedenster Art. Und so griff man — wie so häufig
bei Entwicklungen — nach mancherlei Umwegen auf eine Sender- und Empfängeranordnung zurück, die man früher aus Gründen der Rohrersparnis einmal aufgegeben hatte.


Selbsttätige Zielsteuerung durch Einstellringe auf der Büchse
Wenn  man  sich im Scheitelpunkt   eine Hauptstelle    (Zentrale)   angeordnet denkt,   in   der mehrere Rohrstränge   zusammentreffen, dann hat man wieder das Bild einer Hauptstellen Anlage, bei  der die an einem Rohrpoststrang liegenden Dienststellen von je einer Senderleitung und einer Empfängerleitung durchlaufen "werden. An die Stelle der Person, welche die Büchsen in der Haupt- j stelle entsprechend ihrem Zielkennzeichen weiterleitet, ist j aber die selbsttätige Steuerung getreten.
Die Rohrpostbüchse trägt selbst das Zielkennzeichen, Die gekennzeichnete Büchse wird   in   den   Senderstrang    Abtaststelle angeschaltet. Die von ihr abgetastete Büchse sei für den Strang D bestimmt; sie kann also unterdessen entlassen werden. Auf diese Weise tritt eine besetzte Abtaststelle nach der anderen in Tätigkeit, so daß sich ein Mindestmaß von Wartezeiten ergibt.
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Die Rohrpostbüchse ruht auf der Haltevorrichtung, das Abtastorgan ist mit seinen Messerkontakten gegen die Einstellringe gedrückt. Der Mittelring, der metallisch mit der Grundfeder verbunden ist, liegt an Erde. Der linke Solenoid-Magnet schwenkt das parallelogrammartig aufgehängte Abtastorgan ein; der rechte Topfmagnet gibt den Sperrhebel der Haltevorrichtung frei.
Da jeweils nur eine Büchse die Vielfachweiche durchfahren kann, müssen die Abtastvorrichtungen zeitlich nacheinander arbeiten. Die von ihnen freigegebenen Büchsen werden über einen Sammeltrichter der Vielfachweiche zugeführt, die sie entsprechend ihrer Zielbestimmung in die verschiedenen Rohrstränge leitet. Über die einzelnen Empfängerleitungen gelangen die Rohrpostbüchsen zu den verschiedenen Empfangsstellen.
Die Leistungsfähigkeit einer derartigen Anlage wird bestimmt durch die Zahl der Büchsen, die den Engpaß zwischen Sammeltrichter und Vielfachweiche zu durchfahren vermögen. Diese Zahl ist abhängig:
1. Von der für das Abtasten erforderlichen Prüfzeit.
2. Von der eigentlichen Durchfahrtzeit, gemessen von der Abfahrt der Büchsen aus der Abtaststelle bis zu ihrer
Ausfahrt aus der Vielfachweiche.
3. Von der Wartezeit, die sich für eine Büchse ergibt,
welche in eine bereits belegte Empfängerleitung ein
fahren soll.


Verminderung der Büchsen-Wartezeiten durch Unterstellen oder mehrere Hauptstellen
Die Prüf- und Durchfahrtzeiten zu kürzen, ist nur in engen Grenzen möglich, da sie durch das Steuersystem bzw. durch die Apparatkonstruktion bedingt sind. In starkem Maße wandelbar ist dagegen die Wartezeit. Um sie auf ein Mindestmaß zu beschränken, greift man das eingestellte Büchsenziel in mehreren Stufen ab, d. h. man schafft Unterstellen.
Liegt beispielsweise eine Gruppe von Dienststellen räumlich weit entfernt von der Hauptstelle, so könnte eine für diesen Strang bestimmte Büchse erst dann aus der Abtaststelle entlassen werden, wenn die vorhergehende Büchse den langen Weg zu ihrer Zielstelle zurückgelegt und damit die Empfängerleitung freigegeben hat. Um solche Wartezeiten zu vermeiden, schaltet man eine Unterstelle ein, die möglichst dicht an die entfernte Empfängergruppe herangerückt wird. Nunmehr können alle Büchsen, die für diese Empfängergruppe bestimmt sind, aus der Hauptabtaststelle bereits entlassen werden, sobald festgestellt ist, daß sie das entsprechende Strangkennzeichen, beispielsweise den Kennbuchstaben H, tragen. Ihre Zielkennzeichen, d.h. ihre Kenn- Zahlen, werden erst in der Unterstelle ausgewertet. Durch die Verlagerung der Wartezeiten von der Hauptstelle in die Unterstelle wird die mittlere Durchfahrtzeit einer Büchse durch die Hauptstelle u. U. erheblich verkürzt und damit die Leistungsfähigkeit der Hauptstelle fühlbar gehoben.
Bei sehr umfangreichen Anlagen mit nahezu 200 Sende- und Empfangsstellen hat man aus der gleichen Überlegung mehrere gleichwertige Hauptstellen geplant, die untereinander durch besondere Verbindungsleitungen verkehren. Die Rohrpostbüchsen erhalten in solchen Fällen einen dritten Einstellring, den sog. Zentral- oder Hauptstellenring. Alle Rohrpostbüchsen, die für eine an eine andere Hauptstelle angeschlossene Empfangsstelle bestimmt sind, werden ohne Auswertung der Strang- und Stellenkennzeichen sofort in die besonderen Verbindungsleitungen entlassen. Erst in d e r Hauptstelle, zu deren Bereich das gewünschte Ziel gehört, werden in bekannter Weise ihre Strang- und Stellenkennzeichen wirksam. Auf diese Weise ist es gelungen, die Zahl der von einer Anlage zu bewältigenden Sendungen immer weiter zu steigern und im selbsttätigen Verkehr Leistungen zu erzielen, die noch vor wenigen Jahren unerreichbar schienen.
Ein paar Zahlen aus der Praxis: Eine Anlage mit 50 Stellen, angeschlossen an eine Hauptstelle mit mehreren Unterstellen, bewältigt je Arbeitstag etwa 5000 Sendungen. Ihre größte Leistungsfähigkeit ist damit bei weitem nicht erreicht, da ja die Anlage 'nur in wenigen Hauptverkehrsstunden hoch beansprucht wird.
Die bisher größte praktisch erreichte Verkehrsleistung (je Arbeitstag) liegt bei etwa 15 000 Sendungen. Sie wurde in einer Anlage mit drei Hauptstellen und mehreren Unterstellen erreicht; auch diese Leistung muß im wesentlichen als das Ergebnis einiger Hauptverkehrsstunden gewertet werden.


Verkehrsüberwachung
Mit der Forderung nach Leistungssteigerung geht Hand in Hand der Wunsch, den Verkehr weitgehend zu überwachen. Ohne auf die Zwischenstufen der verschiedensten Art eingehen zu können, seien hier die Grundzüge einer sehr weitgehenden Überwachungseinrichtung kurz erläutert.
Gefordert ist, die Rohrpostbüchse in ihrem ganzen Lauf vom Sender über Hauptstelle und Unterstelle bis zur Ankunft am Ziel zeitlich zu verfolgen und aufzuzeichnen, an den Abtaststellen die Zielkennzeichen auf- B zunehmen und irgendwie in falsche Rohrstränge oder an falsche Zielstellen gelangte Büchsen besonderen Kontrollstellen zuzuleiten bzw. die falschen Ankunftstellen aufzuzeichnen. Neben den verschiedensten Bausteinen der Schwachstromtechnik:
in den Sendersperren zur Regelung der Büchsenabfahrt,
in den Trenn- und Abtaststellen der Haupt- und Unterstellen zur Auswertung der Zielkennzeichen,
an den Vielfachweichen, Gruppen- und Stationsweichen zur Steuerung der Signale,
werden   hier   zusätzliche   Schaltmittel, vor  allem Wähler zur Speicherung und Vorwählermagnete zum Aufzeichnen der Abfahrts- und Ankunftszeiten, der Büchsenzieleinstellung u. a. mehr in einem bisher nicht gekannten Maße verwendet.
Steuerung der Gebläseanlagen
Um Kraft zu sparen, arbeiten die elektromotorisiert angetriebenen Gebläse nur in den verkehrsreichen Zeiten im Dauerbetrieb. In den übrigen Stunden werden sie i Abhängigkeit von Senderkontakten und Zeitschaltern ein und ausgeschaltet, so daß sie praktisch nur so lang arbeiten, wie sich Rohrpostbüchsen unterwegs befinde!


Fernrohrpost
Fernrohrposten, ursprünglich zur Verbindung einzelner Postämter oder Telegraphenämter einer Stadt gebaut, werden in neuerer Zeit in gesteigertem Maße von großen Verkehrs- und Industrieunternehmungen zur schnellen Übermittlung von Schriftgut aller Art, Fertigungsproben und dergl. benutzt. Im Gegensatz zu den Hausrohrpostanlagen, die vornehmlich zur Verbindung der Dienststellen innerhalb eines Hauses bzw. eines Häuserblocks dienen und infolgedessen selten einen Wirkungskreis von 500m überschreiten, überbrücken die Fernrohrposten im allgemeinen Entfernungen von mehreren Kilometern.
Das Rohrleitungsnetz der Berliner Stadtrohrpost ist ein vom Haupttelegraphenamt ausgehendes allseitiges Strahlenbündel. Die einzelnen Rohrpostlinien sind bis 18 km lang. Lufttechnisch wird dies erreicht, indem man die Rohrleitung in eine Anzahl von Betriebsabschnitten unterteilt, deren Länge l bis 3 km beträgt, je nach Art der verwendeten Gebläse und der gewählten Betriebsart: Saugluft oder Druckluft allein oder Druckluft am Anfang und Saugluft am Ende der Strecke. Luftstrom (Menge in der Zeiteinheit) und Druck der Förderluft bestimmen die Fahrgeschwindigkeit der Rohrpostbüchsen, die bei den betrachteten Linien zwischen 40 und 60 km/h liegt.
Der Verkehr innerhalb einer Rohrpostlinie, d. h. der Verkehr vom Haupttelegraphenamt zu den einzelnen Postämtern und umgekehrt, sowie der Verkehr dieser Postämter untereinander, geht selbsttätig vor sich.
Über das Haupttelegraphenamt als handbedienter Hauptstelle können alle an das Berliner Stadtrohrpostnetz angeschlossenen Postämter miteinander verkehren.
Als man sich vor etwa fünfzehn Jahren anschickte, die bis dahin mit Handvermittlung arbeitenden Berliner Rohrpostlinien mit einer selbsttätigen Steuerung auszurüsten, verfolgte man zunächst den gleichen Grundgedanken, der sich später in der Hausrohrpost-Technik erfolgreich durchzusetzen vermochte: Man machte die Rohrpostbüchse selbst zum Träger des Zielkennzeichens.


Zielweitergabe abschnittsweise
Obwohl man bewußt darauf verzichtet hat, das der Büchse mitgegebene Ziel in unmittelbarer Berührung — wie bei der Hausrohrpoststeuerung — abzunehmen, hat es sich als zweckmäßig erwiesen, den hinsichtlich Verschleiß und Verschmutzung stark beanspruchten Rohrpostbüchsen nicht noch empfindliche Steuereinrichtungen aufzubürden. Die Deutsche Reichspost hat sich infolgedessen für ein Steuersystem entschieden, welches die Zielübertragung unabhängig von der Rohrpostbüchse selbst, wohl aber abhängig vom Büchsenlauf, durchführt. Diese Steuerung, bei der die normale Rohrpostbüchse unverändert bleibt und das Büchsenzielkennzeichen sozusagen neben der fahrenden Büchse herläuft, wurde erstmalig im Jahre 1930/31 von E. Zwietusch & Co., G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg, auf der Rohrpostlinie Haupttelegraphenamt — Tempelhof ausgeführt.
Empfänger E3 usf. vermittelt. Eine nicht gezeichnete Rohrleitung dient dem Verkehr in entgegengesetzter Richtung. Alle Stellen sollen zur. beliebigen Zeit wahlweise miteinander verkehren können, d. h. Leitungssperrungen und daraus folgende Wartezeiten müssen vermieden werden oder doch auf ein praktisch nicht fühlbares Maß herabgedrückt werden.
Aus diesen Gegebenheiten und Forderungen ergibt sich eindeutig, daß es nicht möglich ist, das Bestimmungsziel unmittelbar anzusteuern, da sonst die zwischen der sendenden und empfangenden Stelle liegenden Rohrpoststellen für Sendungen gesperrt werden müßten. Die dadurch entstehenden Wartezeiten könnten sich auf viele Minuten belaufen, da allein die Fahrzeit zwischen zwei aufeinander folgenden Stellen bei einer Büchsenfahrgeschwindigkeit von etwa 50 km/h 2 bis 3 min beträgt. In jedem Rohrabschnitt (S±-E2, S2-E3 usw.) muß vielmehr eine ganze Reihe von Rohrpostbüchsen mit den verschiedensten Bestimmungszielen fahren, und unabhängig von den angestrebten Zielen muß es möglich sein, weitere Rohrpostbüchsen mit beliebigen Bestimmungszielen in den verschiedenen Zwischenstellen abzusenden.
Da die Rohrpostbüchse selbst als zielbestimmendes (selektives) Mittel ausscheiden soll, kann nur die Reihenfolge der zum Versand gebrachten Büchsen für die Ansteuerung des Zieles ausgewertet werden.
Es müssen also Einrichtungen vorgesehen werden, die das, jeder Büchse zugedachte Ziel aufnehmen, speichern und erst in dem Augenblick wirksam machen, in dem die Büchse ihre Bestimmungsstelle erreicht hat.
Zu diesem Zweck sind an jedem Sender Zieltasten angeordnet, deren Zahl und Bezeichnungen den in der Verkehrsrichtung voraus liegenden Empfangsstellen E2, E3, EU usw. entsprechen. Weiterhin sind jedem Leitungsabschnitt so viele elektromagnetisch gesteuerte Drehwähler (normale Wähler der Fernsprechtechnik) zugeordnet, daß für jede gleichzeitig in diesem Abschnitt fahrende Rohrpostbüchse ein Wähler zur Aufnahme, Speicherung und Weiterleitung ihres Zieles zur Verfügung steht. Ein weiterer Drehwähler, der sog. Eingangssteuerwähler, sorgt dafür, daß jeder in den Sender eingeführten Rohrpostbüchse ein freier Speicherwähler zugeteilt wird
und dieser das durch Niederdrücken einer Zieltaste festgelegte Büchsenziel übernimmt. Dieses Übernehmen des Zieles geschieht in der Weise, daß der Drehwähler eine durch die betätigte Zieltaste bestimmte Anzahl Schritte macht (Aufp rufen). Soll beispielsweise eine Büchse zur Rohrpoststelle E3 gesandt werden, so wird nach Einführen der Büchse in den Sender die Zieltaste E3 niedergedrückt. Der Drehwähler prüft auf, d. h. er macht drei Schritte und bleibt in dieser Stellung stehen. Der Eingangssteuerschalter schaltet auf den nächsten Speicherwähler weiter, der — sobald die nächste Büchse abgesandt und die entsprechende Zieltaste gedrückt wird (beispielsweise E5) — durch Auf prüfen auf Schritt 5 das Büchsenziel übernimmt. Dieses Aufprüfen führt der Drehwähler mit einem seiner gleichlaufenden Schaltarme, und zwar mit dem a-Arm durch. Die anderen Arme werden erst später wirksam. Ein Speicherwähler nach dem anderen wird so in der zeitlichen Reihenfolge der in den Rohrleitungsabschnitten einfahrenden Rohrpostbüchsen mit dem Ziel der ihm zugeteilten Büchse belegt. Den verschiedensten Zielen zustrebend, fahren diese Büchsen gleichzeitig im gleichen Rohrabschnitt, ohne daß sich weitere Schaltungsvorgänge abspielen. Erst wenn die erste Büchse die nächste Empfangsweiche (beispielsweise E2) erreicht, wird über den Fahrrohr- bzw. Apparatkontakt und den Ausgangssteuerschalter das in dem ersten belegten Speicherwähler eingespeicherte Ziel ausgewertet. Ist die erste Büchse für die Rohrpoststelle E2 bestimmt, so spricht über den ö-Arm des Speicherwählers der Weichenmagnet der Empfangsstelle E2 an, und die Büchse wird ausgeschleust.
Ist die Rohrpostbüchse — wie in unserem Fall — für eine andere Stelle, nämlich E3 bestimmt, so bleibt die Empfangsweiche auf Durchfahrt stehen, da der Weichenmagnet über den 6-Arm keinen Strom erhält. Die Büchse fährt in den nächsten Rohrabschnitt ein und belegt wie eine vom Sender S2 einfahrende Büchse mit Hilfe des Eingangssteuerschalters den nächsten freien Speicherwähler im neuen Abschnitt. Dieser prüft in gleicher Weise — wie vorher bei der Übernahme des Zieles von den Sendertasten beschrieben — auf den im Speicherwähler des vorhergehenden Abschnittes (c-Arm) belegten Schritt auf und übernimmt damit das der Büchse mitgegebene Ziel aus dem ersten Abschnitt in den zweiten Abschnitt. Während der Ausgangssteuerschalter des alten Abschnittes auf den nächsten Speicherwähler weiterschaltet und damit die Zielauswertung der zweiten der Empfangsstelle E2 zustrebenden Büchse vorbereitet, kann auch schon wieder eine in den Sender S2 eingeführte Büchse den nächsten Speicherwähler des zweiten Abschnittes belegen. Aus dem ersten Abschnitt kommende, über E% in den zweiten Abschnitt übergeführte Büchsen und über den Sender S2 einfahrende Büchsen sind hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Schalt- und Steuerungsorgane völlig gleichberechtigt. Das Vorfahrtsrecht beim Einfahren in den Rohrleitungsabschnitt regelt sich auschließlich in Abhängigkeit von der Zeit.
Da jedem Rohrabschnitt eine entsprechende Anzahl von Speicherwählern mit den dazu gehörigen Eingangsund Ausgangssteuerschaltern zugeordnet ist und in jedem Abschnitt die Reihenfolge der Büchsen neu festgelegt wird, können in den einzelnen Rohrpost stellen der Linie jederzeit Büchsen mit beliebigem Ziel zwischengesendet werden. Die Speicherwähler jedes Abschnittes greifen also das Ziel entweder von den Zieleinstelltasten ab, wenn die Rohrpostbüchse vom Sender aus einfährt, oder sie übernehmen das Ziel von dem durch den Ausgangssteuerschalter wirksam gemachten Speicherwähler des vorhergehenden Abschnittes, wenn die Büchse aus diesem Abschnitt kommt.
Der Schaltungsauszug zeigt aus Gründen der Übersichtlichkeit nur die zum Erläutern der abschnittsweisen Zielübertragung notwendigen Bauelemente. Auf einige der im praktischen Betrieb zusätzlich erforderlichen Einrichtungen sei zur Vervollständigung des Verkehrsbildes noch kurz hingewiesen.
Für einen ordnungsmäßigen Betriebsablauf ist es unerläßlich, daß die Apparat- und Fahrrohrkontakte und die Apparate selbst von den Rohrpostbüchsen einzeln durchfahren werden. Es 4sind daher sowohl vor den Empfangsweichen als auch in den Sendern elektromagnetisch betätigte Sperr- und Trennvorrichtungen angeordnet. Aufgabe der Trennvorrichtung im Empfänger ist es, die unter Umständen dicht hintereinander ankommenden Rohrpostbüchsen festzuhalten und einzeln zur Weiterfahrt erst dann freizugeben, wenn die Weiche entsprechend dem Büchsenziel tatsächlich auf Ausfahrt oder Durchfahrt umgelegt ist. Die Sperrvorrichtungen am Sender entlassen die Rohrpostbüchse erst, wenn das Ziel einwandfrei übernommen ist und wenn der für den Betrieb erforderliche Über- oder Unterdruck der Treibluft erreicht ist. Beide Sperrvorrichtungen, die am Empfänger und die am Sender, sind elektrisch miteinander so gekuppelt, daß jeweils nur eine Büchse in den anschließenden Fahrrohrabschnitt einfahren kann. Die Bedienungsperson steckt die Rohrpostbüchse , in den Sender und drückt die entsprechende Zieltaste. Damit ist auch hier wieder die Arbeit getan; alles übrige wickelt sich völlig selbsttätig ab, auch dann, wenn gleichzeitig eine aus dem vorhergehenden Abschnitt kommende Büchse über die Durchgangsstellung des Weichenempfängers in den gleichen Abschnitt einfahren will. Es ist einleuchtend, daß diese Vorrichtungen auch für die einwandfreie Zielübertragung unerläßlich sind.
Durch das Hintereinanderschalten mehrerer Weichen in einer Rohrpoststelle ist es möglich, die Linie beliebig zu verzweigen und die Rohrpostbüchsen selbsttätig weiteren in diesen Zweiglinien liegenden Stellen zuzuleiten. Ebenso - ist es möglich, mehrere Zweiglinien in ankommender Richtung zusammenzufassen und in einer Linie weiterzuführen. Wiederum sorgen elektrisch gegeneinander verriegelte Trenn- und Sperrvorrichtungen dafür, daß die Anlage jeweils nur von einer Büchse durchfahren wird, und stellen so die ordnungsmäßige Zielübertragung auf die Speicherwähler des neuen Abschnittes zwangsläufig sicher. Die Weichensteuerung mit abschnittsweiser Zielübertragung baut sich auf dem Grundsatz auf, jede zum Versand gebrachte Büchse einzeln zu erfassen und einschl. des ihr mitgegebenen Ziels zu verfolgen.
Aus dieser Tatsache läßt sich eine ganze Reihe von Signalisierungsmöglichkeiten ableiten, die für die Betriebsüberwachung außerordentlich wertvoll sind. So ergibt sich aus der Schrittdifferenz der Eingangs- und Ausgangssteuerschalter ohne weiteres die Zahl der in einem Betriebsabschnitt fahrenden Rohrpostbüchsen. Unter Zuhilfenahme von Drehwählern läßt sich diese Schrittdifferenz ohne Schwierigkeiten in Leuchtziffern verwandeln, welche die in jedem Betriebsabschnitt in Fahrt befindliche Anzahl von Rohrpostbüchsen jederzeit anzeigen. Hält man noch den Zeitpunkt der Büchseneinfahrt durch Ingangsetzen eines auf die Höchstfahrzeit in diesem Abschnitt eingestellten Zeitschalters fest, so kann jede irgendwie begründete Fahrtverzögerung angezeigt und durch Betätigung der entsprechenden Sperrvorrichtungen dafür gesorgt werden, daß keine weiteren Rohrpostbüchsen in den gestörten Führrohrabschnitt einfahren, Die Fahrzeitüberwachung ist sowohl für das Erkennen einer Störung als auch für ihre schnelle Beseitigung äußerst wichtig.
Zeigt man nun noch an, wenn die Kontakte im Sender und in der Empfangsweiche durch Rohrpostbüchsen betätigt werden, so läßt sich aus all den genannten Signalen ein Schaubild zusammenstellen, das die Verkehrsvorgänge in den einzelnen Streckenabschnitten der Fernrohrpostlinie in einer geradezu idealen, lebendigen Formzeigt. Dies gilt besonders dann, wenn die zu den verschiedenen Betriebsabschnitten gehörigen Schalt- und Überwachungsmittel nicht in den einzelnen Rohrpoststellen untergebracht sind, sondern — wie fast allgemein üblich — in den Rohrpost-Haupt- oder Unterstellen zusammengefaßt werden.

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Quelle: VDI Zeitschrift Bd. 87, Nr. 21/22, v. 29.5.1943, S. 315 - 320
 

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