Einen Überblick über die Auswirkungen des Krieges liefert der Verwaltungsbericht der Stadt Bochum. Die Gesamtsituation der Stadt wird hier beschrieben und damit bietet sich gleichzeitig die Möglichkeit, Einblick in die damaligen Aufgaben der Stadtverwaltung zu nehmen.

Verwaltungsbericht der Stadt Bochum

1938 - 1948

Die Erstattung eines Verwaltungsberichts für einen längeren, insbesondere für einen zehnjährigen
Zeitraum, ist etwas Ungewöhnliches, da es im allgemeinen der Gepflogenheit größerer Gemeinwesen entspricht, die Öffentlichkeit durch die Herausgabe eines gedruckten Rechenschaftsberichts zu unterrichten, der sich auf den Zeitraum nur eines Jahres erstreckt. Ganz besondere Umstände können aber Veranlassung geben, von dieser Übung abzuweichen. Solche Umstände waren schon einmal gegeben: während der Dauer des Ersten Weltkrieges mußte die Berichterstattung der Stadtverwaltung eingestellt werden, weil die durch den Krieg bedingten unmittelbaren Verwaltungsbedürfnisse alle Kräfte in Anspruch nahmen. Damals wurde die Berichterstattung in einem die Jahre 1913 bis 1924 umfassenden Sammelbericht nachgeholt. Jetzt liegen die Dinge nicht anders. Auch der Zweite Weltkrieg hat die Öffentlichkeit ohne den sonst üblichen jährlichen Verwaltungsbericht lassen müssen. Die unterlassene Berichterstattung soll nun wiederum durch Erstattung eines Gesamtberichts nachgeholt werden, der dieses Mal die Zeit vom 1.4.1938 bis 31.3.1948 umfaßt.
Wenn nun auch in den zwei Ausnahmefällen der Anlaß zur Sammelberichterstattung der gleiche war, so unterscheiden sich die beiden Berichte inhaltlich doch nicht unerheblich voneinander. Der Unterschied ist im wesentlichen ein gradueller. Der zweite Krieg hat das deutsche Vaterland sehr viel stärker heimgesucht als der erste und das Leid der Menschen ins Übermenschliche hinein gesteigert. Infolgedessen sah sich auch die öffentliche Verwaltung vor Aufgaben gestellt, wie sie nie zuvor zu bewältigen gewesen sind. Hierbei entfiel auf die gemeindliche Selbstverwaltung der größte Teil der Verantwortung für die Befriedigung der durch den grausamen Krieg ins Unermeßliche gesteigerten öffentlichen Bedürfnisse; denn die Gemeindeverwaltung strahlt in alle Lebensgebiete des menschlichen Daseins aus. Die nachfolgenden Einzelberichte der verschiedenen Verwaltungszweige werden dies erkennen lassen.
Der Beginn der Berichtsperiode fiel zeitlich zusammen mit dem Höhepunkt nationalsozialistischer Scheinkonjunktur. Ein sehr ausgebreitetes, aber auch stark gekünsteltes Arbeitsbeschaffungsprogramm täuschte einen hohen Grad wirtschaftlicher Blüte vor. Die Arbeitslosigkeit war beseitigt, die Wohlfahrtskosten bildeten nur noch einen geringen Teil der öffentlichen Ausgaben, die Steuerkassen füllten sich und die Haushaltspläne waren ausgeglichen. Nur mußte sich jeder Einsichtige darüber klar sein, daß die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik allein den Zweck hatte, die Rüstung für den mit Sicherheit zu erwartenden Krieg zu ermöglichen.

Die Finanzierung der hierauf gerichteten, staatlich gelenkten Produktion konnte nur durch eine außergewöhnliche Kreditexpansion geschehen, die die innere Verschuldung des Reichs derart steigerte, daß sie bis zum Kriegsende auf mehr denn 500 Milliarden Reichsmark angewachsen war. Diese Kreditausweitung ging Hand in Hand mit einer Vermehrung der umlaufenden Geldmenge. Zu der fortschreitenden Kreditausweitung und Geldvermehrung gesellte sich eine Verknappung der Wirtschaftsgüter. Um die Preissteigerung zu vermeiden, setzte eine staatliche Lenkung der Beschaffung, der Verteilung und des Verbrauchs der den Bedarf immer weniger deckenden Güter ein. Sie erfolgte durch Ueberwachungsstellen, die von besonderen Reichsbeauftragten geleitet wurden. Da aber diese Maßnahme allein die lebensnotwendige Versorgung nicht zu gewährleisten vermochte, ergab sich die weitere Notwendigkeit einer scharfen Preis- und Versorgungsüberwachung mit immer drakonischeren Mitteln. Die Folgen blieben nicht aus; sie bestanden in einem Verschwinden vieler Wirtschaftsgüter aus dem Bereich des normalen Warenumlaufs. Sie wanderten - vor allem nach. Kriegsende - auf den - zunächst noch recht heimlichen - schwarzen Markt, auf dem zu ständig steigenden Preisen Mangelware zu kaufen war, Die am Ende der Berichtsperiode obwaltende wirtschaftliche Unordnung und Notlage war also schon in. dem Wirtschaftssystem der letzten Jahre vor dem Kriege vorhanden.

Viel deutlicher trat sie im Kriege hervor und zwar längst, bevor die Kriegszerstörungen eingesetzt hatten. Mit dem Ausbruch des Krieges verstärkten sich die durch die Zwangswirtschaft vermehrten Aufgaben naturgemäß in besonderem Maße. Hinzu traten andere, ebenfalls kriegsbedingte Verwaltungsaufgaben. Deshalb mußten alle Arbeiten der Verwaltung, die nicht der Kriegsführung zu dienen bestimmt waren, ruhen. Dazu gehörten nach einer Anweisung der Reichszentralbehörden vor allem die Arbeiten der Verkehrsämter und der Stadtbildstellen sowie die Aufgaben des Städtebaues und der Heimatpflege. Nach dem gleichen Erlaß war die Tätigkeit der Rechnungsprüfungsämter bis auf ein Maß herabzusetzen, das kaum noch den notwendigen Schutz vor Veruntreuung und Unwirtschaftlichkeit bot. Andere Aufgaben traten dafür in Erscheinung: die Rationierung der Lebensmittel und solcher Gegenstände des täglichen Bedarfs, mit deren zunehmender Verknappung gerechnet werden mußte. Im weiteren Verlaufe des Krieges kam hinzu die Abgeltung von Kriegsschäden, die Instandsetzung zerstörter Gebäude, der Bau von Luftschutzbunkern und -Stollen, die Umquartierung, die Wohnungsbewirtschaftung, die Möbelverschickung, die Verlegung von Schulen sowie die Verkehrs- und Transportlenkung. Damit sind nur die durch den Krieg unmittelbar verursachten Aufgaben der Stadtverwaltung genannt; zu ihnen trat jedoch die Fülle der nur mittelbar auf den Krieg zurückgehenden Verwaltungsaufgaben. Der totale Krieg hatte eben eine totale Kriegsverwaltung ausgelöst. So hatte z. B. die Aufgabenumstellung vom Frieden auf den Krieg organisatorische Aenderungen im Gefolge. Es entstanden Kriegsämter, unter ihnen vor allem das Ernährungs-, das Wirtschafts- und das Kriegsschadenamt. Für ihren Aufbau und ihre Unterbringung hatte das Hauptamt zu sorgen, das sich hierbei umso größeren Schwierigkeiten gegenübersah, je weniger Räumlichkeiten und Einrichtungsgegenstände infolge der Kriegszerstörungen zur Verfügung standen. Die zahlreichen Einberufungen bewährter Dienstkräfte zur Wehrmacht auf der einen, der vermehrte Personalbedarf auf der anderen Seite machte dem Personalamt größte Sorgen, zumal der Bedarf an Arbeitskräften gerade in Bochum wegen der hier so reichlich vertretenen Rüstungsindustrie nur unter allergrößten Schwierigkeiten gedeckt werden konnte. Auch die Kämmerei hatte sich bei ständig sich verminderndem Personal mit durch den Krieg immer stärker beeinflußten Finanz Verhältnissen abzufinden: stets sich mehrende Kriegsausgaben, neue Lastenausgleiche und an das Reich zu bewirkende Kriegsabgaben veränderten immer wieder das Gesicht des Haushaltsplans. Diese Beispiele für die Erfassung der gesamten Verwaltung durch das Kriegsgeschehen ließen sich beliebig vermehren.
Ein Gebiet blieb allerdings - wenigstens in den ersten Kriegsjahren - vom Kriegsgeschehen beinahe unberührt, das Gebiet der Kulturpflege.  Der Grundsatz „inter arma silebt musae“ schien zunächst seine Berechtigung verloren zu haben. So stellte das Bochumer Stadttheater erst am 1.9.1944 seine Tätigkeit ein, als alle deutschen Bühnen auf höheren Befehl ihre Pforten schließen mußten. Zwei Monate später wäre es hierzu allerdings auch aus einem anderen Grund gewesen: Der Großangriff am 4. 11. 1944 zerstörte sein schönes Bühnenhaus völlig. Aehnlich erging es dem Städtischen Orchester,  es führte seine Konzerte weiter durch, bis die gleiche Anordnung ihm ein vorläufiges Ende setzte. Die Bochumer Schulen haben allerdings nicht ebenso lange ihren Unterrichtsbetrieb aufrecht erhalten können. Die vielen Bombenangriffe machten es notwendig, sie um die Mitte des Jahres 1943 in damals weniger gefährdete Gebiete zu verlegen. Den Bochumer Schulen wurde die Provinz Pommern als Gastland zugewiesen. Viel menschliches Leid, das besonders der völlig ungeregelte Rückstrom auf der Flucht vor der anstürmenden Russenmacht über Eltern, Kinder und Erzieher gebracht hat, wäre erspart geblieben, wenn Landgebiete in den westlichen Provinzen für die Aufnahme der Bochumer Schulen bestimmt worden wären. Auch die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, für die nach der Zerstörung ihres Vortragsgebäudes nur eine Verlegung innerhalb der Mauern Bochums in Frage kam, hat ihren Vorlesungsbetrieb bis zum Sommersemester 1944 aufrecht erhalten können
Die größte und schwierigste Kriegsaufgabe bestand für die städtische Verwaltung in der Beseitigung oder Milderung der durch die zahlreichen Bombenangriffe verursachten persönlichen und sachlichen Schäden. Die Bombenangriffe setzten erst im zweiten Kriegsjahre zögernd ein. Die ersten Sprengbomben gingen im Stadtbezirk Werne und auf dem Gebiet der Zeche Engelsburg nieder. In Werne kam hierbei der erste Mensch auf Bochumer Gebiet zu Tode. Die Angriffe steigerten sich in der Folgezeit nach Zahl, Größe und Art der Bomben. In den ersten beiden Jahren geschah diese Steigerung noch in mäßig ansteigender Kurve; von Mitte 1942 ab stieg diese Kurve jedoch steil in die Höhe, bis die Angriffe schier unerträglich wurden. Der erste größere Bombenabwurf erfolgte auf den Stadtteil Dahlhausen am 2. 6. 1942. Verglichen mit den späteren Luftangriffen stellte dieser Angriff jedoch höchstens einen mittelschweren dar. Besonders schwere Großangriffe trafen Bochum an folgenden Tagen:

1943    14.Mai, 13. Juni, 26. Juni, 10.Juli, 13. August, 29. September
1944     9. Oktober,  4. November
1945     15. Januar, 28. Januar, 18. Februar, 18. März

Außerdem mußte unsere Heimatstadt 135 Luftangriffe mittlerer Stärke über sich ergehen lassen. Rund 420 Minen, 22.000 Sprengbomben und 531.000  Brandbomben verrichteten das Werk der Zerstörung, das wir am Schlüsse des Krieges vor uns sahen. Ihm fielen mehr als die Hälfte der Schulen und sonstigen öffentlichen Gebäude und fast sämtliche Kirchen zum Opfer. 22 % des Wohnraums wurden total zerstört und außerdem 74% beschädigt.
Trümmerschutt bedeckten das Stadtgebiet. Mit Sicherheit sind 4.095 Tote und Vermißte - unter den Toten auch 13 städtische Dienstkräfte - sowie 5.034 Verwundete festgestellt worden. Allein in der Zeit von Januar 1943 bis Februar 1945 störten 942 Fliegeralarme das Leben Bochums in allen seinen Erscheinungsformen.
In einem Verwaltungsbericht der Stadtverwaltung interessieren naturgemäß die Sachschäden besonders, die an den städtischen Verwaltungsgebäuden entstanden sind, vor allem am Rathause selbst.
Schon bei dem ersten Großangriff vom 14. 5. 1943 brannten das Dachgeschoß und das 5, Obergeschoß des Rathauses vollständig, das 4. Obergeschoß teilweise aus. Am 13.6.1943 wurde ein Teil des Ostflügels an der Mühlenstraße mit allen Stockwerken aus dem Bau herausgerissen. Kaum wieder instandgesetzt, riß der Angriff vom 4.11.1944 erneut eine Lücke an genau derselben Stelle. Gerade dieser Tag war aber auch sonst der schwärzeste in der Geschichte des Bochumer Rathauses, denn an ihm verlor auch der Ratshof sein schönes Gesicht. Er war einst ein Repräsentationshof im wahrsten Sinne des Wortes, als solcher auch durchaus von dem Erbauer des Rathauses, Professor Karl Roth, Darmstadt, gedacht. Auf ihm waren verschiedene Kunstwerke wie Brunnen, Figuren und das schmuckvoll ausgeführte Stadtwappen vereinigt. In ihm erhob sich ein nach der Mitte zu vorspringender Flügel mit Glockenturm, der nach dem Gutachten deutscher Sachverständiger das beste Glockenspiel in Deutschland enthielt. 28 Bronzeglocken mit einem Gesamtgewicht von 2300 kg – die schwerste allein
wog 7 ½ Zentner — ließen stündlich in wechselnder Folge Volkslieder oder — in der Adventszeit — Weihnachtslieder ertönen. Der Flügel enthielt außer dem Kassenraum der Bochumer Stadtkasse und dem darunter befindlichen Tresor auch den Stadtverordneten-Sitzungssaal, der zugleich als repräsentativer Festsaal der Stadtverwaltung Bochum benutzt wurde. Der 330 qm große Saal hatte Eichenholzgestühl für 30 Magistratsmitglieder, beinahe 100 Stadtverordnete und 16 Pressevertreter. Dazu trat noch die 85 qm umfassende Empore mit 76 Sitz- und 70 Stehplätzen. Die Eichenholz decke des Saales war reichlich mit vergoldeten Schnitzereien aus Lindenholz versehen. Die Wände waren weiß gehalten und zeigten Hartstück-Ornamente. Der Parkettfußboden war mit Teppichen belegt. Dem Blicke des Eintretenden bot sich sogleich das beinahe die ganze Stirnwand einnehmende Gemälde ,,Deutscher Parnaß" dar, das verewigte deutsche Geistesgrößen, angefangen von Walter von der Vogelweide über Bach, Beethoven, Goethe, Schiller, Liebig, Helmholtz und viele andere bis Nietzsche und Karl Schäfer, zeigte. Vergoldete Bronzeputten an der rechten und linken Seite des Gemäldes vermittelten zwischen den starken Farben des Bildes und den weißen Wänden. Auch die Fensterdekoration war mit Rücksicht auf die ausgeprägte Bildwirkung in Altgold gehalten. Alle diese Kunstwerke - Gemälde, Putten, Ornamente - stammten von Professor Guhr, Dresden. Das alles ist dahin - mit Ausnahme nur des Gemäldes, das man frühzeitig genug sichergestellt hatte.
In der gleichen Bombennacht erlitten auch die beiden rechts und links vom Mittelflügel stehenden Brunnen größten Schaden. Von ihnen versinnbildlichte der eine durch eine in Gold gehaltene Statue die Schönheit, der andere auf rollender Kugel die Göttin des Glücks. Die vier Bronzefiguren, die die Aufgänge zu den beiden Brunnenhöfen einrahmten und je eine kommunale Haupttätigkeit symbolisch darstellten, waren ebenso wie die den Balkon des Hauptbaues zierenden sechs allegorischen Bronzefiguren schon vorher denselben Weg gegangen, den die meisten Bronzedenkmäler und Bronzeglocken hatten nehmen müssen: den Weg der Umschmelzung zu Rüstungszwecken.

Von den 1.062 Büroräumen, die vor dem Kriege in allen städtischen Verwaltungsgebäuden vorhanden gewesen waren, wurden 462 völlig zerstört, 295
schwer und 293 leicht beschädigt. Die Lagerräume und Garagen sind in diesen Zahlen nicht mit enthalten, auch sie wurden durch die Angriffe stark mitgenommen. Hierdurch wurde die Unterbringung der städtischen Dienststellen sehr erschwert, zumal auch zahlreiche andere Behörden und öffentliche Körperschaften, deren Dienstgebäude durch die Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt worden waren, von der Stadtverwaltung, der Helferin in allen Nöten, Ersatzraum begehrten. So waren z.B.
die Gerichtsgebäude sowie die Gebäude der Industrie- und Handelskammer, der Reichsbankstelle und der Berufsgenossenschaft Bergbau - um nur sie zu nennen - völlig zerstört.
Große Mühe machte auch die Beschaffung neuer Geschäftsräume für lebenswichtige Gewerbebetriebe, von denen manche ihre Räumlichkeiten auch ihre gesamte Geschäftseinrichtung und ihren ganzen Warenbestand - nicht wenige sogar wiederholt - in den Bombennächten eingebüßt hatten.
Der anhaltende und immer mehr sich verstärkende Luftkrieg mußte auf die Dauer auch das Verkehrs- und Transportwesen lahmlegen. An dem Beispiel der „Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahnen AG." mag dies besonders verdeutlicht werden.

Von dem 284 km umfassenden Gesamtnetz der Oberleitungsanlagen wurden 146 km völlig zerstört, während nur 6 km des Gleisnetzes vernichtet wurden. Da diese 6 km sich jedoch auf zahllose Stellen des Netzes verteilten, wirkten sich die Gleiszerstörungen beinahe ebenso empfindlich aus wie die Oberleitungsschäden.

Am härtesten trafen die Störungen und Einschränkungen im Verkehrswesen naturgemäß die arbeitende Bevölkerung. Ihre in der Nähe ihrer Arbeitsstätten gelegenen Wohnungen waren größtenteils vernichtet worden, so daß ihre Bewohner in den weniger beschädigten Randgebieten der Stadt untergebracht werden mußten. So waren z. B. die in der Nähe der Fabrikgebäude des Bochumer Vereins gelegenen Wohnviertel beinahe der völligen Zerstörung anheimgefallen.
Mit einer erstaunlichen Gelassenheit und Ruhe hat der einfache Mann alle Schwierigkeiten und Nöte, die der Bombenkrieg für ihn heraufbeschwor, über sich ergehen lassen. Der Verlust der Wohnung, des Hab und Guts, oft auch noch teurer Menschenleben, die immer schlechter werdende Ernährungslage, die Verknappung der wichtigsten Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs, das Vorliebnehmenmüssen mit engstem Raum, die langen, oft nur zu Fuß zu bewältigenden Anmarschwege drückten seinem Leben in den letzten Kriegsjahren den Stempel auf. Und nicht nur im Hinnehmen und Dulden zeigte sich die Größe unserer Bürger, auch in der gegenseitigen Hilfeleistung in allen diesen Nöten offenbarte sich ihr guter Kern menschenfreundlicher Gesinnung. Dieser Bericht würde nicht vollständig sein, wenn in ihm nicht das Hohelied des ,,Kumpels" gesungen würde. Er hat sich unzählige Male mit allen Kräften und oft unter Lebensgefahr bei der Bergung verschütteter Menschen eingesetzt. Wo Häuser eingestürzt waren und Menschen unter Schutt und Trümmern lagen, war er zur Hand und ruhte nicht eher, bis sie - sei es tot oder lebendig - geborgen waren.
Am 10. 4. 1945 hielt die Besatzungsmacht in Bochum ihren Einzug. Dadurch traten neue Aufgaben an die gemeindlichen Selbstverwaltungsbehörden heran. Vor allem galt es, die Ansprüche der Militärbehörden zu befriedigen. Sie waren gerichtet auf die Freimachung von Wohnungen, Garagen und die Abgabe von Waffen, Munition und Photoapparaten, die Meldung der Einzelhandelsgeschäfte und der sonstigen gewerblichen Betriebe mit dem Ziele der Neukonzessionierung, das Verbot der Benutzung von Kraftfahrzeugen in Verbindung mit der Anmeldung zum Zwecke einer beschränkten Neuzulassung, die Beschlagnahme von Rundfunkgeräten und Möbeln und auf anderes mehr. Da sich die der amerikanischen Besatzungsmacht sehr bald folgende englische Militärregierung in alle Beziehungen des öffentlichen Lebens überhaupt einschaltete, war die Einrichtung eines Besatzungsamtes erforderlich, das im mündlichen wie im schriftlichen Verkehr der Vermittler zwischen der  Militärregierung und der Stadtverwaltung wurde. Diesem Amte waren auch die Dolmetscher unterstellt; von hier aus übten sie ihre Tätigkeit einheitlich für die gesamte Verwaltung aus.
Die Lage, in der sich die Stadt und ihre Verwaltung nach dem Zusammenbruch befand, kann man sich nicht dunkel genug vorstellen. Das Stadtgebiet war mit Trümmern übersät. Der Verkehr stockte, weil die Straßenbahn lahmgelegt war und es den wenigen noch vorhandenen Kraftwagen an Treibstoff und Reifen mangelte. Die Nachrichtenübermittlung war infolge der Bombeneinwirkung und der Sprengung der Hauptkabelstränge, die die nationalsozialistische Führung noch kurz vor ihrem Abtreten befohlen hatte, schwer gestört. Die Ladengeschäfte waren leer; was in ihnen an Waren noch vorhanden gewesen war, war vielfach geplündert worden. Die Betriebe ruhten. Der Geldbestand der öffentlichen Kassen war stark zusammengeschrumpft. Zentralbehörden, die allgemeine Richtlinien für die Beseitigung des Chaos hätten aufstellen können, gab es nicht mehr. Auch die Mittelbehörden (Oberpräsident, Regierungspräsident) konnten sich nur langsam wieder konsolidieren. Der ganze staatliche Verwaltungsaufbau war also lahmgelegt. Nur die gemeindliche Selbstverwaltung war erhalten geblieben. Allein auf ihren Schultern lag infolgedessen die schwere Last der Erfüllung der von der Besatzungsmacht gestellten Anforderungen, der Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern des dringendsten täglichen Bedarfs, der gesundheitlichen und fürsorgerischen Betreuung, der Beschaffung der nötigen Gelder, der Wiederherstellung lebenswichtiger zerstörter Straßen und Anlagen (Wasserleitung, Kanalisation, Kabel, Gasleitung).
Wie schon im Laufe des Krieges, so haben die kommunalen Selbstverwaltungen auch in der Zeit nach dem Zusammenbruch ihr Bestes hergegeben. Vielfach improvisierend, haben ihre treu bei der Stange verbliebenen Dienstkräfte ihre schwere Arbeit inmitten einer zusammenbrechenden Welt erfüllt. Dies war umso schwieriger, als viele frühere Mitarbeiter noch abwesend waren und durch teilweise uneingearbeitete fremde Kräfte ersetzt werden mußten. In dieser Zeit hat die gemeindliche Selbstverwaltung seit ihrer Begründung durch den Freiherrn vom Stein die schwerste Belastung auf sich nehmen müssen. Sie ist mit ihr fertig geworden und hat damit ihre Bewährungsprobe bestanden. Am Ende der Berichtszeit darf diese Feststellung getrost getroffen werden. Vor zwei Jahren wäre sie noch verfrüht gewesen. Damals schienen greifbare Früchte nicht reifen zu wollen. Heute kann man erkennen, daß die Bemühungen nicht im Negativen – etwa dem Absinken ins völlige Chaos und damit ins Bodenlose - stecken geblieben sind. Vielmehr sind deutliche positive Erfolge vorhanden. Die Enttrümmerung hat große Fortschritte gemacht. Die Hauptstraßen des Wegenetzes sind wieder gut passierbar. Die Straßenbahnen und Autobusse verkehren auf allen Linien. Das Versorgungs- und Kanalisationsnetz ist im großen und ganzen wiederhergestellt. Dazu ist ein Stadtbebauungsplan geschaffen. der modernen städtebaulichen und verkehrsmäßigen Gesichtspunkten im Rahmen der gegebenen Verhältnisse in vollem Umfange Rechnung trägt. Da er dazu dienen soll, das Gesicht der Stadt Bochum für viele Generationen zu bestimmen, kann seine Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden,
Die Instandsetzung der zerstörten Wohnungen ging dagegen leider nicht in dem gewünschten Umfang vor sich; die Schwierigkeiten in der Baustoffproduktion und der Baustofflenkung wie im Transportwesen und das Nachlassen der Bauarbeitskräfte in ihrer Leistung behinderten zu stark den so dringend notwendigen Wohnungsbau. Aber auch auf diesem Gebiet sind beachtliche Fortschritte erzielt worden. Dies betrifft vor allem den Bau von Bergarbeiterwohnungen, da diese durch die Bergbauwirtschaft besonders gefördert wurden. Die Neugewinnung von Wohnraum bleibt die wichtigste Aufgabe der Stadtverwaltung, zumal die Bevölkerung der Stadt durch die Rückkehr der Heimkehrer und der Umquartierten sich in einem Maße vermehrt, mit dem die Vermehrung des Wohnraumes noch nicht hat Schritt halten können.
Theater und Orchester konnten ihre Arbeit verhältnismäßig bald nach dem Zusammenbruch, nämlich im Jahre 1945, wieder aufnehmen. Sie fanden ihr vorläufiges Heim in dem zu diesem Zwecke wesentlich umgebauten Saal des städtischen Parkhauses. Die Städtische Gemäldegalerie folgte im Jahre 1946 nach. Ihr 25-jähriges Jubiläum, das sie im Sommer dieses Jahres beging, gab die äußere Veranlassung dazu. Nicht so schnell ging es mit dem Wiederaufbau der Stadtbücherei. Ihr Verlust an Büchern war so groß. daß er bei der augenblicklichen Lage des Büchermarktes auch nicht annähernd wettgemacht werden konnte. Die räumliche Unterbringung der Bücherei – auch ihr Gebäude ist dem Krieg zum Opfer gefallen – ist bisher nur behelfsmäßig gelungen.

Mit dem Unterrichtsbetrieb in den allgemeinen Schulen konnte erst verhältnismäßig spät wieder begonnen werden, nämlich erst zu Beginn des Jahres 1946.
Nur einige Berufsschulen öffneten schon Ende 1945 ihre Tore. Es fehlte sowohl an Schulgebäuden und Lehr- und Lehrmitteln wie auch an Lehrkräften. Sie zu beschaffen macht auch heute noch große Schwierigkeiten.

Man sieht an allem: der Weg ist steil und der Gipfel noch lange nicht erklommen. Aber wenn es auch nur langsam und unter großen Mühen vorangeht, so geht es doch vorwärts. Selbst auf dem Gebiet, das neben der Wohnungsfrage die größte Sorge bereitet, auf dem der Ernährungswirtschaft nämlich, scheint der Tiefstand überwunden zu sein. Von einer wesentlichen Besserung war zwar am Ende der Berichtszeit noch nichts zu spüren, doch ist zu hoffen, daß die Ernährungskurve ihre aufsteigende Entwicklungslinie beibehält, und daß Marshallplan und Währungsreform die auf sie gesetzten Hoffnungen erfüllen.

Ueber die Einzelheiten der Verwaltungsarbeit während der Berichtszeit sollen die nun folgenden Einzelberichte Aufschluß geben. In manchen Fällen ist dies leider nicht mit der Genauigkeit möglich, die sich früher von selbst verstand. Denn viele Unterlagen sind im Bombenkriege untergegangen. Es ist aber versucht worden, die Lücken durch wirklichkeitsnahe Schilderungen aus der Erinnerung heraus derart auszufüllen, daß das Ganze dennoch den Ablauf des Gesamtgeschehens erkennen läßt.
 

Quelle: Verwaltungsbericht der Stadt Bochum, 1938 - 1948, Papierwerk Bochum , Seite 7 - 11

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