Sichtweise des Eisenhütternwesens aus 1942

STAHL UND EISEN
ZEITSCHRIFT FÜR DAS DEUTSCHE
EISENHÜTTENWESEN

Herausgegeben vom Verein Deutscher Eisenhüttenleute  im NS.-Bund Deutscher Technik
Geleitet von Dr.-Ing. Dr. mont. E. h. O. Pe t e r s e n unter Mitarbeit von Dr. J. W Reichert und                                      Dr. W. Steinberg für den wirtschaftlichen Teil

 HEFT 40                      1. OKTOBER 1942   62. JAHRGANG    Seite 833

Die Reichsvereinigung Eisen und ihre Aufgaben.
Von Hermann Röchling in Völklingen, Vorsitzer der Reichsvereinigung Eisen und Leiter des Hauptringes Eisenerzeugung.

Die Gründung der Reichsvereinigung Eisen stellt eine vollkommene Neuordnung der Eisenschaffenden Industrie dar. Während bisher alle Organisationsformen unserer Industrie die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage entweder durch die Vermeidung eines schrankenlosen Wettbewerbs oder durch die Regelung der wirtschaftlichen Verhältnisse auf dem Wege über die Wirtschaftsgruppe oder sonstwie erstrebten, fehlte dabei praktisch vollkommen die Leistungssteigerung und die Lenkung der Industrie. Zwar hat die Eisen schaffende Industrie von sich aus immer sehr viel zur Leistungssteigerung getan. Unsere stürmische Entwicklung seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und die gewaltigen Leistungen, die von Männern wie Baare, Kirdorf, Krupp. Haniel, Stinnes, Stumm, Thyssen, meinem Vater und vielen anderen ausgingen, beweisen dies. Aber diese Entwicklung vollzog sich nach dem Gesetz .des Wettbewerbs in starkem Widerstreit der mehr oder weniger selbstischen Interessen und unter vielfachem Kampf untereinander. Ja, diese Entwicklung sog gerade ihre stärksten Antriebskräfte aus diesem Kampfe. Diese Zeiten sind vorüber. Das schwere Schicksal, das Deutschland nach dem für uns so bitteren Ende des ersten Weltkrieges zu tragen hatte, zwang auch die Männer von Stahl und Eisen dazu, sich mehr als vorher miteinander zu verständigen und zu vertragen. Mein verstorbener Bruder Louis war der Vorläufer dieser Entwicklung, die von Ernst Poensgen zu virtuoser Kunst entwickelt wurde. Der Erfolg war absolut eindeutig. Nur war auf diesem Wege vieles nur in langsamer Entwicklung erreichbar, — eine Entwicklung, die naturgemäß viele Wünsche offenließ und die eine unerhörte Arbeit und viel Zeit erforderte.
Im Kriege ist es notwendig, zu raschen Ergebnissen zu kommen. Die Zeit drängt und man hat nicht die Möglichkeit zu warten. Die Zusammenfassung der Leistungen ist aber auch sonst erforderlich. lieber' die Grenzen Deutschlands hinaus ist die einheitliche Lenkung der Wirtschaft, besonders der des Eisens, notwendig. Sonst erreicht man nur Unzureichendes. Sowohl über die Rohstoffe als auch über die Erzeugung muß man einheitlich disponieren können, wenn man das Notwendige erreichen will. Dies machte die Lenkung der Wirtschaft auch in den besetzten Gebieten, zuerst auf dem Gebiete der Kohle, über das ganze kontinentale Europa erforderlich. Auf dem Gebiete des Eisens sind wir dieser Entwicklung gefolgt.
Die Aufgaben, die uns hinsichtlich der Leistungssteigerung gestellt sind, sind umfassend. Nicht nur nach der Seite der Menge, auch nach der Seite der Güte hin ist viel zu tun. Über den ersten Punkt braucht nicht geredet zu werden; er versteht sich von selbst. Nur eines muß immer wieder betont werden: In jedem modernen Kriege, also in diesem Weltkriege so gut wie im vorigen, sind der Kriegswirtschaft Grenzen durch die Knappheit an Stoffen aller Art gesteckt. Es gilt also die sparsamste Ausnutzung aller Grundstoffe. Denn ein Krieg, der in erster Linie der Vernichtung des gegnerischen Lebens und seiner Einrichtungen gilt und in dem alles, was an menschlicher Kraft vorhanden ist, entweder als Kämpfer an der Front oder als Schaffender in der Heimat eingesetzt ist, bemißt notwendigerweise die Zahl der Schaffenden immer sehr knapp. Daraus muß sich stets eine Knappheit an allen Stoffen ergeben. Deshalb ist oberstes Gesetz jeder Kriegswirtschaft: Geht sparsam und haushälterisch mit allen Stoffen um!
Für uns gilt dies vor allem hinsichtlich der Kohle. Alles, was wir in den Jahren zwischen den beiden großen Völkerringen in dieser Hinsicht erarbeitet haben, muß in der heutigen Zeit, so unzureichend unsere Mittel und Kräfte auch sind, immer wieder vertieft werden. Dazu bedarf es unerhörter Anstrengungen aller unserer Ingenieure. Jeder fühle sich verantwortlich für den Brennstoffverbrauch, sei es bei den Hochöfen oder Kokereien, sei es bei allen Wärmöfen in Walzwerken oder Glühereien. An keiner Stelle dürfen vermeidbare Brennstoffverluste (insbesondere Abfackelverluste der Hochofen- und Koksofengase) entstehen. Das ist dort wesentlich schwerer, wo keine Gasbehälter vorhanden oder in Betrieb sind. Dann hängt eben die Vermeidbarkeit dieser Verluste noch mehr als sonst davon ab, wie regelmäßig der Betriebsablauf vor sich geht. Gehen die Hochöfen z. B. regelmäßig, dann ist auch die Gaserzeugung gleichmäßig, und dann kann man leichter den Verbrauch mit der Erzeugung ins Gleichgewicht bringen. Also alles, was die Regelmäßigkeit z. B. des Hochofenbetriebes fördert, senkt nicht nur den eigenen Verbrauch an Wärme im Hochofen, sondern auch die Verluste darüber hinaus. Es besteht daher Einigkeit bei uns, alle die Maßnahmen zu fördern, die die Senkung des Koksverbrauches und darüber hinaus des Brennstoffes überhaupt mit erträglichem Aufwande an Arbeitskraft und Eisen ermöglichen.
Zu   der  sparsamen  Stoffwirtschaft  gehört  aber auch diejenige, die sich auf die Verwendung des Eisens bezieht. Diese Aufgabe geht den Eisenhüttenmann und alle Ingenieure an, die Eisen verwenden und verbauen. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich um Hoch- oder Tiefbau handelt oder darum, Maschinen aller Art oder Fahrzeuge auf der Erde, im Wasser und in der Luft herzustellen. Bei allen diesen Verwendungszwecken müssen alle Bestrebungen, welche mit einem Mindestgewicht an Eisen eine maximale Leistung erreichen, unsere tätigste Förderung finden.
Ich habe bereits früher darauf hingewiesen, daß wir alles, was Leichtbau heißt, mit allen Mitteln fördern müssen. Große Ersparnisse an Eisen sind durch den Übergang zu hochfesten, im wesentlichen vergüteten Massenstählen zu erzielen. Dies wird sich vor allem bei allen Einrichtungen zur Bewegung von Lasten auf die Dauer durchsetzen; mit anderen Worten: Alle Fahrzeuge, welche Massengüter fortbewegen, können bei Anwendung der neuen Erfahrungen wesentlich leichter und haltbarer und damit nützlicher hergestellt werden. Ich bin darüber hinaus auf eine andere Seite des Leichtbaues aufmerksam gemacht worden, nämlich daß durch den Ersatz unserer zweifellos durchaus veralteten Walzprofile durch alle möglichen Leichtbauelemente eine wesentliche Eisenersparnis zu erzielen ist. Besonders ist es die Verwendung von Bohren von normalen bis zu den allerdünnsten Wandstärken, die im Maschinen- und Fahrzeugbau nach dem Vorbilde des Flugzeugbaues ganz außerordentliche Fortschritte ermöglichen. Auch die dünnen Bleche können durch Kaltpressen und Sicken in solche Formen gebracht werden, daß ihre Widerstandsmomente im Verhältnis zum Gewicht erstaunlich groß werden. Also hier lassen sich erhebliche Einsparungen erzielen. Die entscheidende Vorarbeit hierzu muß vom Hüttenmann geleistet werden. Wir müssen mit dem gestaltenden Maschinenbauer enger zusammenarbeiten. Er muß von uns das Material erhalten, das er für seine Arbeit braucht! Wir müssen also nicht nur nahtlos gewalzte Normalrohre, sondern auch in größtem Umfange geschweißte runde und viereckige Rohre aus kaltgewalzten Bändern zur Verfügung stellen, damit der Maschinenbauer seine Aufgaben erfüllen kann. Auch die dünnen Bleche müssen so beschaffen sein, daß sie die weitestgehende Kaltverformung, wie sie für die in Betracht kommenden Zwecke notwendig ist, ohne Versprödung vertragen. Auch an Thomasstahl muß diese Anforderung gestellt werden. Aber das ist wieder nur möglich, wenn die absolute Regelmäßigkeit des Betriebsablaufes auch unter heutigen Verhältnissen, die denkbar schwierig sind, gegeben ist.
Der Hüttenmann kann vieles tun. Aber auf vielen Gebieten muß ihm auch geholfen werden. So geht unsere Bitte vor allen Dingen an unsere Kollegen, die Bergleute, daß sie durch sauber gewaschene Kohlen es uns ermöglichen, einen aschenarmen Koks unseren Hochöfen zur Verfügung zu stellen. Es ist sicher die größte Verschwendung der bergmännischen Arbeit, wenn die Kohle, nachdem sie mühselig unter Tage gewonnen ist, nicht sauber aufbereitet, d. h. gewaschen wird, daß sie ferner nicht getrennt wird in weitestgehend entaschte Kohle, sehr aschenreiche Berge, die zur Halde gehen, und dazwischen Mittelprodukte, welche die aschenreichen Kohlensorten so aussondern, daß ein Verbrennen unter den Kesseln noch möglich ist. Geschieht das, so ist allen Beteiligten gedient, — dem Bergmann, der weiß, daß seine Erzeugnisse auf die nützlichste Art verwendet werden, — dem Maschineningenieur auf der Grube, dem zwar die Aufgabe gestellt wird, mit den nicht gerade sehr angenehmen Mittelerzeugnissen fertig zu werden, der aber dafür eine stark erhöhte Bedeutung im ganzen Grubenhaushalt erhält,  den Verkehrsleuten, die nur noch hochwertige Brennstoffe zu transportieren haben und damit eine mengenmäßige Entlastung erfahren, und endlich den Verbrauchern, die durch die Güte der gelieferten Kohle mit wesentlich geringeren Mengen davon auskommen.   Ich weiß, es sind vielfach Ansätze zu dieser Entwicklung gemacht worden. Aber ich weiß auch, daß zur Zeit wieder eine stark rückläufige Bewegung hinsichtlich der Lieferung aschenärmerer, um nicht zu sagen aschenarmer Brennstoffe im Gange ist. Wir Verbraucher, aber auch die Erzeuger, sollten künftig nicht mehr sagen: „Kohle ist Kohle, und sie hat nur einen Preis", sondern wir müssen uns an folgenden Standpunkt gewöhnen: Kohle mit einem Aschengehalt X hat einen Preis Y; ist der Aschengehalt X minus 10 %, so steigt der Preis nicht bloß um den Betrag der Verminderung des Aschengehaltes, sondern um noch mehr usw. Die Verbraucher müssen den Erzeugern höhere Preise für die bessere Qualität bewilligen, damit der allgemeine Fortschritt hinsichtlich der  Senkung des Brennstoffverbrauches erzielt werden kann. Diese Senkung ist heute notwendiger denn je. Habe ich versucht, einen Überblick über eine Reihe von Aufgaben zu geben,  die wir anpacken müssen, so möchte ich darauf hinweisen, daß unsere Arbeit immer davon ausgeht, dem großen Ganzen zu dienen.   Wenn wir von unseren Vollmachten Gebrauch machen, so hat keiner von uns das Recht, an sein Werk besonders zu denken, noch viel weniger an seine eigene Person.  Wir haben eine diesbezügliche formelle Verpflichtung übernommen, die auch  von unseren Mitarbeitern, soweit wir ihnen einen Teil unserer Macht übertragen (nicht nur bei der Reichsvereinigung Eisen, sondern auch beim Hauptring Eisenerzeugung), gefordert wird.  Wer diese Verpflichtung nicht achtet, kann nicht Amtsträger bei uns sein. Denn es ist selbstverständlich, daß bei so viel Macht, die bei uns vereinigt ist, die Sicherheit   bestehen muß, daß jeder einzelne sein eigenes Unternehmen nur so weit berücksichtigen  darf,  daß  der  Gemeinnutz   oberstes Gesetz bleibt.  Das wird nicht immer leicht sein.   Wird gegen diesen Grundsatz verstoßen, so müssen wir eingreifen. Als feststellende Regel muß gelten, daß kein Amtsträger der Reichsvereinigung Eisen oder des Eisenringes Entscheidungen irgendwelcher Art zugunsten seines eigenen Unternehmens treffen darf, sei es auch dadurch, daß man  die Konkurrenz hindert, einen Fortschritt zu machen. Um dies zu ermöglichen, ist es unser Bestreben, aus allen Unternehmungen, nicht nur aus einigen, geeignete Mitarbeiter heranzuziehen.   Wir arbeiten nicht in die eigene Tasche und setzen andere Betriebe nicht im Interesse des eigenen Unternehmens zurück.   Dieses Vertrauen, das uns bisher entgegengebracht wurde, müssen wir uns auch für die Dauer erhalten.

 


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